Politik : Mordstheater in Dresden

Von Peter von Becker

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Gerade erst ist ein Künstler, der holländische Filmemacher Theo van Gogh, zum Mordopfer eines religiösen Fanatikers geworden, da ruft man auch in Deutschland zum Totschlag auf – aber diesmal mit den Mitteln der Kunst. Im Dresdner Staatsschauspiel werden Gerhart Hauptmanns „Weber“ gezeigt, und das Drama um die Ausbeutung schlesischer Textilarbeiter Mitte des 19. Jahrhunderts wird ergänzt durch einen „Chor der Arbeitslosen“ von heute. Dresdner Bürger, keine Schauspieler, treten darin auf und geben Volkes Stimme wieder. Es sind offenbar authentische Stimmen und Stimmungen gegen die HartzIV-Reformen, wobei sich der soziale Protest bis in sadistische Folterfantasien gegen Mitarbeiter des Arbeitsamts oder den Kanzler (das „Schröderschwein“) versteigt. Und zum Wunsch, die Fernsehmoderatorin Sabine Christiansen zu erschießen.

Auch der Holländer Theo van Gogh zog seine Energien aus der wütenden Schmähung, gegen heuchelnde Christen und Juden, gegen meuchelnde Islamisten: ohne Rücksicht auf irgendeine political correctness. Und es stimmt ja: Die Kunst ist frei, das gebieten in Deutschland die Verfassung und unser zivilisatorisches Selbstverständnis. Ein Philosoph wird weiterhin sagen können, Gott ist tot, und ein Poet auch ausrufen dürfen: Tötet Gott! Das hält ein Unsterblicher aus. Das müssen auch Weltreligionen aushalten in einer demokratisch-weltlichen Gesellschaft.

Trotzdem dürfen die Dresdner „Weber“ auf Grund einer einstweiligen Verfügung vorerst nicht mehr aufgeführt werden. Dabei hat der Urheberrechtsschutz wegen der hinzugefügten Chor-Passagen eine Rolle gespielt: ein eher fragwürdiges Argument. Denn die oft beschworene „Werktreue“ kann es nur bei der strikten Edition eines Textes geben, aber nie bei der spielerischen Interpretation eines vieldeutigen, über seine Entstehungszeit hinweg mit eigener Geschichte und Geschichtlichkeit aufgeladenen Kunstwerks. Im Kern berührt der Dresdner Fall vielmehr das Spannungsverhältnis zwischen Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrecht. Wie zuletzt im Streit um die Bücher von Maxim Biller oder Albin Nikolai Herbst, in denen die Autoren ihre ehemaligen Geliebten in wiedererkennbarer Weise bloßgestellt haben.

Der Bürgerchor der Dresdner „Weber“ handelt nun von keiner Diktatur und bemüht nicht wie Hochhuth den Tyrannenmord. Er attackiert in der Demokratie und im Gewand des sozialen, theatralen Protests keinen allgemeinen Typus (des heutigen Ausbeuters oder Arbeiterfeindes), sondern konkrete lebende Personen. Er geißelt Menschenverachtung – durch Fantasien eigener, mordlustiger Menschenverachtung. So lässt das Theater den im Rechtstaat aus guten Gründen abgeschafften Pranger unverhofft wieder aufleben.

Die Dresdner Theatermacher sehen in ihren öffentlichen Protokollen der Verzweiflung und der höhnenden Wut ein wahres, unzensiertes Psychogramm einer entsolidarisierten Gesellschaft. Vor allem im deutschen Osten. Aber eben bei solch distanzloser Affirmation des Realen droht die Kunst von der Wirklichkeit verschlungen zu werden. Denn jenen sozialen Seelenspiegel trübt der unverhohlene Ausdruck auch eines vulgären Populismus (einst hieß er: gesundes Volksempfinden). Gewinnen dessen Affekte die Macht, dann freilich gehören Recht und Freiheit, auch die Meinungs- und Kunstfreiheit, zu den ersten Opfern.

Es geht im Streit um die Dresdner „Weber“ also nicht um Privilegien für Mächtige oder Fernsehstars und nicht um eine linke oder rechte political correctness. Es geht um mehr und ist vertrackter. Die Kunst kennt zwar kein Tabu. Nicht im Prinzip. Aber kann eine permissive säkulare Gesellschaft – darauf haben uns spätestens die Diskussionen um Gewaltdarstellungen und Kinderpornografie im schrankenlosen Internet aufmerksam gemacht –, kann sie überleben ganz ohne Tabus? Am Ende wären dann ja alle vogelfrei, auch die Schwachen, die Kranken, die Kinder und selbst die Künstler. Das wäre die Zeit der Galgenvögel und nicht einer freien Kultur. Es wäre die Barbarei.

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