Politik : Morgens die Einberufung, dann mit Sonnenbrille zur Grenze

ULRICH GLAUBER

RÖSZKE/SZEGED ."Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin nicht weit genug geflüchtet.Der Krieg kommt mir hinterher".Gabor Kerekes ist Deserteur aus der jugoslawischen Armee.Als Magyare aus der Wojwodina hat der 28jährige keine Probleme gehabt, im "Zebra market" unmittelbar an der ungarisch-jugoslawischen Grenze Arbeit zu finden.Nachts konnten sie hier in Röszke wenige Kilometer südlich von Szeget manchmal die Bombendetonationen nach NATO-Angriffen hören."Anderthalb Wochen war ich bei der Armee.Das kann niemand aushalten", sagt der stämmige Mann und reißt mit beiden Händen nervös an einem Taschentuch.Im Krieg um Ostslawonien war er 1991 als Soldat in Vukovar gewesen.Ein Blick in die Augen von Gabor, der nicht gerade übermäßig zart besaitet wirkt, sagt alles über den Terror, der da in seiner Erinnerung aufsteigt.Was ihm gedroht hätte, wenn er bei der Flucht erwischt worden wäre? Gabors Hand ratscht energisch am Hals vorbei - die internationale Geste für Exekution.

Dabei hat Gabor Kerekes noch Glück gehabt.Da Armeedeserteure die Grenze selbstverständlich illegal überqueren müssen, bedeutet das ohne Verwandte oder Anlaufadresse in Ungarn zumeist den Weg in geschlosssene Auffanglager für Asylsuchende aus aller Welt.In der Enge, in der sich in den berüchtigten Kasernen Religionen und Kulturen zusammengepfercht sehen, sind Tätlichkeiten häufig, Selbstmorde keine Seltenheit.

Auch Zsort Maranka - Besitzer des "Zebra market" - hat sich dem Wehrdienst in der jugoslawischen Armee entzogen."Morgens kam der Einberufungsbefehl, nachmittags habe ich mein Hab und Gut verkauft, und dann bin ich mit Strohhut und Sonnenbrille zur Grenze gefahren, damit ich wie ein Tourist wirke," erinnert sich der Lebensmittelhändler an den schnellen Abschied aus dem unmittelbar hinter der Grenze gelegenen Heimatort Subotica (Szabadka) im Jahr 1994.Solange die Kunden aus der Wojwodina sich hier preisgünstig mit Getränken und Konserven eindecken konnten, lief das Geschäft.Seit den NATO-Bombenangiffen und dem Ausreiseverbot für männliche Jugoslawen von 18 bis 65 Jahren ist der Umsatz um die Hälfte zurückgegangen.Von 18 Angestellten konnte er nur zehn behalten.

"Ein Flüchtlingsproblem haben wir nicht.Aber wir müssen uns bei einer weiteren Eskalation auf eine Welle ungarischstämmiger Asylsuchender aus der Wojwodina einstellen", warnt Planungsstadtrat Gabor Csonka in Szeged.In der 175 000-Einwohner-Stadt mit ihren gepflegten Grünanlagen und Kaffeehäusern beobachtet man vor allem die NATO-Pläne zum Transport von Rüstungsgütern per Bahn durch Tschechien und die Slowakei mit Sorge.Aus Budapest heftig dementiert, spekulierten Medien wie der britische "Daily Telegraph" oder der "Guardian" darüber, daß zwei deutsche Panzereinheiten in Ungarn stationiert werden sollen und von ungarischem Gebiet eine Bodenoffensive gegen Jugoslawien gestartet werden solle.

Csonka, der wie die meisten hier Verwandte in der Wojwodina hat, will die Region aber auf keinen Fall in den Krieg hineingezogen sehen."Dafür werden wir in Budapest unseren ganzen Einfluß geltend machen", sagt der Vizebürgermeister, der der in Ungarn regierenden FIDESZ-Partei angehört.Daß Präsident Göncz demonstrativ nicht zum NATO-Jubiläumsgipfel reiste, wird aus dieser Perspektive verständlicher.

"Als ich im vergangenen November meine gut dotierte Position als Marketingchef des Salamiproduzenten Pick mit der Position des Planungsdezernenten getauscht habe, hätte ich mir diese Entwicklung natürlich nicht träumen lassen", räumt der Szegediner Kommunalppolitiker Csonka ein.Mehrere internationale Kongresse in der Universitätsstadt mußten wegen der Krise und des Ausreiseverbots für Jugoslawen bereits abgesagt werden.Mit seinen Baumärkten und Warenhäusern im Gewerbegebiet am Stadtrand kann es Szeged mit jeder westlichen Stadt dieser Größenordnung aufnehmen.Noch haben die Pläne, die Stadt zum Zentrum der Region im Dreiländereck zu machen, keinen ernsthaften Schaden genommen.Mit dem Bau einer Brücke über die Tisza (Theiß) für eine schnellere Verbindung zur 50 Kilometer entfernten rumänischen Grenze soll bald begonnen werden."Für einen Wiederaufbau in Jugoslawien würde sich aufdrängen, unsere Infrastruktur in Szeged zu nutzen", hofft Csonka auf den Aufschwung nach einem baldigen Ende des Krieges.

Zum Fluchtpunkt für Serben, die als jugoslawische Staatsbürger wie die Magyaren aus der Wojwodina visumfrei nach Ungarn einreisen können, ist die Hauptstadt Budapest geworden.Auf einige tausend schätzt Petar Lastic von der Selbstverwaltung der serbischen Minderheit in Ungarn die Zahl der Landsleute, die seit Beginn der Bombardements gekommen sind.

Die vom ungarischstämmigen US-Börsenspekulanten György Soros finanzierte Mitteleuropäische Universität ist zum Kommunikationszentrum der serbischen Flüchtlinge geworden.In einem Wohnheim sind diejenigen untergekommen, die nicht bei Verwandten Aufnahme gefunden haben."Zumeist wohlhabendere Flüchtlinge" seien gekommen, schildert Minderheiten-Sprecher Lastic seinen Eindruck.Über Beziehungen läßt sich möglicherweise ein Schengen-Visum ergattern.Für die meisten bleibt der Weg in Richtung Westen verperrt.So wurde einer Roma-Familie, die aus ihrem von NATO-Bomben zerstörten serbischen Heimatort über Ungarn zu Verwandten nach Österreich flüchten wollte, nur ein dreiwöchiges Touristen-Visum für die Weiterreise angeboten, berichtet die Wiener Zeitung "Der Standard".

Einer der prominenteren Flüchtlinge ist der Chefredakteur des vor dem Krieg unabhängigen Belgrader Wochenmagazins "Vreme" und Mitarbeiter der Tageszeitung "Danas", Stojan Cerovic.Bedroht habe er sich nicht gefühlt, journalistische Arbeit jedoch nach Einführung der Kriegszensur für überflüssig gehalten.Während einer Dienstreise nach Podgorica - der Hauptstadt der gegen die Belgrader Politik opponierenden Teilrepublik Montenegro - hat er sich entschlossen, sich zu Frau und Kindern durchzuschlagen, die seit Beginn der Luftangriffe in Budapest leben.Eine Fähre ins italienische Bari kehrte nach dem Auslaufen aus für Cerovic unerfindlichen Gründen wieder um.Mit dem Taxi fuhr der Journalist dann nach Sarajevo."Es war schon eine spezielle Situation, ausgerechnet dort eine Möglichkeit zur Ausreise zu suchen", lacht Cerovic bitter.Als der Flughafen kurz geöffnet wurde, endete die mehrtägige Odyssee vergangene Woche mit einem Flug über Wien nach Budapest.

Wie es nun weitergehen soll, weiß Stojan Cerovic noch nicht.Seine Frau - eine gebürtige Wojwodina-Ungarin - hat eine Arbeit in Budapest angeboten bekommen.Er selbst hatte bereits für den Herbst eine "Fellowship" in den USA vereinbart.Seine Kontaktleute würden ihn jederzeit auch jetzt schon aufnehmen.Aber der unerbittliche Milosevic-Kritiker will sich von den serbischen Freunden offensichtlich nicht nachsagen lassen, in der tiefsten Krise von der Fahne gegangen zu sein: "Am liebsten würde ich trotz allem nach Belgrad zurückkehren.Wenn mich meine Frau dann nicht schon vorher killt."

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