Moscheeverband Ditib : Der lange Arm Erdogans in Deutschland

Die türkische Religionsbehörde hat großen Einfluss in Deutschland, glauben Beobachter. Der Verdacht ist nicht unbegründet.

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Eindrucksvoll. Ditib unterhält in Deutschland rund 900 Moscheen. Im Bild zu sehen: Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh.
Eindrucksvoll. Ditib unterhält in Deutschland rund 900 Moscheen. Im Bild zu sehen: Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh.Foto: imago/Reichwein

Die Ditib mit Sitz in Köln ist der größte Moscheeverband in Deutschland und untersteht der Religionsbehörde Diyanet in Ankara. Diese wiederum ist direkt dem türkischen Präsidenten unterstellt. Die enge Verzahnung von Staat und Religion in der Türkei hat in Deutschland bis vor zehn Jahren kaum jemanden gestört.

Im Gegenteil: Die Ditib wurde gerade wegen ihrer Abhängigkeit vom angeblich laizistischen Staat hofiert. Solange Kemalisten in Ankara das Sagen hatten, galt die Ditib als Garant dafür, dass sich in ihren 900 Moscheen kein Extremismus entwickelt.

Seitdem der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan heißt, steht die Ditib unter Verdacht. Seitdem sich Erdogan zum autokratischen Herrscher entwickelt, steht der Dachverband unter großem Druck. Es wird ihm unterstellt, „der lange Arm Erdogans“ zu sein bis hinein in die deutschen Klassenzimmer – wie es die Linken-Politikerin Sevim Dagdelen formulierte.

So sehen es auch Unionspolitiker und Grünen-Chef Cem Özdemir. „Wer mit Ditib kooperiert, kooperiert mit Ankara und nicht mit einer Religionsgemeinschaft in Deutschland“, sagte am Dienstag Volker Beck, der religionspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag dem Evangelischen Pressedienst.

„Die unterstellte Einflussnahme gibt es nicht“

Einige Bundesländer, die mit der Ditib über Staatsverträge oder Islamunterricht an den Schulen verhandeln, sind verunsichert. „Wir haben mit der Ditib immer gut zusammengearbeitet“, sagt die Regierungssprecherin in Rheinland-Pfalz. „Doch nach den jüngsten Entwicklungen in der Türkei fragen wir uns, ob das noch derselbe Gesprächspartner ist, mit dem wir die Verhandlungen begonnen haben.“

Am Dienstag trafen sich Mitarbeiter der Staatskanzlei mit Vertretern des pfälzischen Ditib-Landesverbands, um zu sondieren, ob der Dachverband weiter an Verhandlungen über die Ausgestaltung des Religionsunterrichts beteiligt werden könne. Bis Redaktionsschluss stand das Ergebnis noch nicht fest.

„Wir beobachten die Vorgänge in der Türkei mit großer Sorge, aber das hat nichts mit dem Islamunterricht hier zu tun“, sagt der Sprecher des hessischen Kultusministeriums. Er hält die Aufregung um die Ditib für überzogen. „Die unterstellte Einflussnahme gibt es nicht.“

Die Islamlehrer in den Schulen seien normale Lehrer, hessische Beamte, die Weiterbildungen in Sachen Islam absolviert haben. Sie unterrichten nach Lehrplänen des Kultusministeriums. Die Ditib müsse ihre Zustimmung zur Lehrerlaubnis geben, was stets problemlos erfolgt sei.

Da der Religionsunterricht und die Verhandlung über Staatsverträge mit Religionsgemeinschaften Sache der Bundesländer sind, haben die islamischen Dachverbände begonnen, Landesverbände zu gründen. Die Ditib betont, dass diese unabhängig von der Zentrale agierten.

Verhandlungsführer in Staatskanzleien berichten allerdings, dass die Vertreter der Landesverbände immer erst telefonieren müssten, bevor sie sich zu wichtigen Dingen äußerten. „Wir helfen natürlich, wenn die Landesverbände Rat brauchen, etwa in juristischen oder theologischen Fragen“, heißt es in der Zentrale in Köln.

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Die türkische Religionsbehörde in Ankara schickt die Imame

Hessen und Rheinland-Pfalz haben juristische Gutachten in Auftrag gegeben, um zu prüfen, wie weit die Unabhängigkeit der Ditib-Landesverbände geht. Die Gutachter kamen zum Ergebnis, dass satzungsgemäß die Unabhängigkeit gegeben ist. Hessen hat den Landesverband daraufhin als Religionsgemeinschaft anerkannt.

Auch das Gutachten in Rheinland- Pfalz ergab 2015, dass „die Verflechtung mit dem türkischen Staat als nicht so stark interpretiert werden könne, als dass sie der Anerkennung als Religionsgemeinschaft entgegensteht“. Und doch ist das Misstrauen groß.

Dafür gibt es Gründe: Die türkische Religionsbehörde in Ankara schickt die Imame für alle Ditib-Moscheen und bezahlt sie – egal, wie unabhängig die Landesverbände sind. Die Geistlichen sind für die religiösen Aufgaben zuständig, sprechen selten Deutsch und stehen natürlich ihrem Arbeitgeber in Ankara loyal gegenüber.

Das restliche Gemeindeleben organisieren die Moscheevereine, die nach deutschem Vereinsrecht gegründet wurden. Die Vorstände und Vorsitzenden werden demokratisch von den Betern gewählt, arbeiten in der Regel ehrenamtlich und sind vielerorts türkeistämmige Deutsche. Sie sind in der Öffentlichkeit meistens bekannter als der türkische Imam und garantieren die Kontinuität, da die Imame alle drei, vier Jahre wechseln.

Türkische „Religionsräte“ schreiben die Predigten

Die Imame sind Angestellte der Religionsbehörde in Ankara, die auch das Gehalt zahlt. Der Unterhalt der Moscheen und das säkulare Gemeindeleben werden nach Auskunft der Ditib durch Mitgliedsbeiträge und Spenden finanziert.

Bis vor zehn Jahren verschickte die Religionsbehörde in der Türkei zentral die Freitagspredigten. Seitdem schreiben „Religionsräte“ in den einzelnen Bundesländern die Predigten. In den Räten sitzen die Imame und der Religionsattaché des jeweiligen türkischen Generalkonsulats. Der Religionsattaché hat auch die Aufsicht über die Imame. Ankara kann über die Konsulate also nach wie vor Einfluss nehmen auf die religiösen Inhalte.

„Wir wissen, dass unsere Zukunft in Deutschland liegt“, beteuert der Ditib-Funktionär in Köln. „Wir stehen dem deutschen Staat nahe, aber mit der Religionsbehörde in Ankara tauschen wir uns aus.“ Die Deutsche Bischofskonferenz sei auch in engem Kontakt mit dem Vatikan.

Vergangene Woche wurden 250 Mitarbeiter der Religionsbehörde in Ankara entlassen. Sie standen unter Verdacht, der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen nahezustehen, mit dem sich Präsident Erdogan vor drei Jahren überworfen hat und den er verantwortlich macht für den Putschversuch. Auch in der Ditib-Zentrale in Köln hält man die Gülen-Bewegung für eine „gefährliche Sekte“.

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