Moscheeverband : Ditib nimmt nicht an Friedensmarsch in Köln teil

Muslime wollen gegen den Terror demonstrieren – Ditib als größter Moscheeverband wird nicht mitmachen. Was tun Muslime in Deutschland, um sich von Gewalt und Anschlägen abzugrenzen?

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In der Zentralmoschee in Köln predigen Imame der Türkisch-islamischen Union Ditib.
In der Zentralmoschee in Köln predigen Imame der Türkisch-islamischen Union Ditib.Foto: Marius Becker, dpa

Das Minarett ragt in den wolkenlosen Himmel, vor der Moschee haben sich Männer mit weißer Kopfbedeckung versammelt: Es sind Imame der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. 300 von ihnen haben am Mittwoch eine Erklärung gegen Extremismus und Terror unterzeichnet, in der sie sämtliche Anschläge weltweit verurteilen. Ein deutliches Signal.

Auch in Deutschland werden immer wieder Forderungen laut, Muslime sollten sich von islamistischem Terror distanzieren. Sie sollten sich abgrenzen von denen, die unter Berufung auf den Islam töten. Genau das will eine für Samstag geplante Demonstration in Köln tun. Unter dem Motto „Nicht mit uns“ werden Muslime gegen Terror und Gewalt auf die Straße gehen. Doch der größte Islamverband Deutschlands, der deutsch-türkische Moscheeverband Ditib, hat nun seine Teilnahme verweigert.

Wie groß wird die Demo?

Die Organisatoren, die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor und der muslimische Friedensaktivist Tarek Mohamad, rechnen mit bis zu 10.000 Teilnehmern – Prognosen sind allerdings sehr schwierig. Vom Kölner Heumarkt aus wollen die Muslime durch die Stadt ziehen. Die beiden Islamverbände Ahmadiyya und der Zentralverband der Muslime in Deutschland unterstützen die Demo, auch prominente deutsche Muslime wie die Hamburger Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur, die Imamin Rabeya Müller, der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels Navid Kermani und die Comedian Idil Baydar gehören zu den Fürsprechern. Organisatorin Kaddor bedauert die Ditib-Absage. Der Vorstand habe mit seiner Entscheidung „eine große Chance vertan und spielt den Islamfeinden in die Hände“, schrieb sie auf Twitter.

Was ist Ditib?

Ditib wurde 1984 in Köln als bundesweiter Dachverband von Moscheevereinen gegründet. Mittlerweile gehören dem Verband mehr als 900 Moscheegemeinden an, die vorwiegend von Muslimen mit türkischen Wurzeln besucht werden. Ditib ist nach eigenen Angaben die „mitgliederstärkste Migrantenorganisation“ in Deutschland. Personell und organisatorisch ist Ditib eng mit der staatlichen türkischen Religionsbehörde Diyanet verwoben – die Ditib-Imame in Deutschland werden von der Türkei bezahlt. Diyanet wiederum ist direkt der türkischen Regierung in Ankara unterstellt.

Wegen Spionagevorwürfen gegen einzelne Ditib-Imame steht der Dachverband seit Monaten unter Druck. Imame des Moscheeverbands, so der Vorwurf, sollen im Auftrag der türkischen Religionsbehörde Diyanet Gegner des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ausgeforscht haben.

Warum verweigert sich Ditib?

In einer Pressemitteilung kritisiert Ditib die Motive der Initiatoren der Demonstration. Es gehe ihnen um „eine mediale und politische Effekthascherei“, erklärt der Verband. „Öffentlich wirksame Aktionen begrüßen wir, lehnen jedoch die Art und Weise, wie dieser angekündigte Marsch organisiert wurde, ab.“ Forderungen nach „muslimischen“ Anti-Terror-Demos griffen zu kurz, stigmatisierten die Muslime und verengten den Terrorismus auf sie. Zudem sei es es den fastenden Muslimen im Ramadan schlichtweg nicht zumutbar, stundenlang in der prallen Mittagssonne bei 25 Grad zu marschieren und zu demonstrieren. Stattdessen werde in allen Ditib-Moscheen in Deutschland zum Freitagsgebet ein gemeinsames Bittgebet gegen den Terror und für den Frieden gesprochen.

Überraschend kommt diese Entscheidung vor allem deshalb, weil sich Ditib-Sprecher Bekir Alboga Anfang der Woche noch positiv zu der Veranstaltung geäußert hatte. Eine Nachfrage nach den Gründen für diesen Sinneswandel ließ der Verband am Donnerstag unbeantwortet.

Wie sind die Reaktionen auf die Absage?

Abdullah Uwe Wagishauser, Vorsitzender der islamischen Ahmadiyya-Gemeinde, die in Deutschland etwa 35000 Mitglieder hat, ist enttäuscht über die Ditib-Absage – und hält die Begründung mit dem Ramadan für „Humbug“: „Im Ramadan wird gearbeitet, wird teilweise Sport gemacht. Warum kann man da nicht eine Kundgebung besuchen? Das ist vorgeschoben“, sagt er. Die Entscheidung hält er für bedauerlich.

Der religionspolitische Sprecher der Grünen, Volker Beck, hat zumindest eine Vermutung was den Sinneswandel bei Ditib herbeigeführt haben könnte: Vieles deute auf Intervention und Anweisung aus Ankara hin. Die Absage habe die klare Unterstützung aus der Türkei. So habe etwa Mustafa Yeneroglu, Istanbuler AKP-Abgeordneter, das Ditib-Nein begrüßt. In den Augen von Beck hat sich Ditib nun „als Teil der deutschen Zivilgesellschaft abgemeldet. Ditib wird immer mehr zum Problembär der islamischenVerbändelandschaft.“

Was tun Muslime bislang, um sich vom Terror zu distanzieren?

Nach Anschlägen gab es immer wieder Stellungnahmen und öffentliche Gebete. 2004 organisierte Ditib eine große Demonstration gegen den Terror mit 20000 Teilnehmern. Als Reaktion auf den Anschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ im Jahr 2015 rief der Zentralverband der Muslime zu einer Demonstration am Brandenburger Tor auf. Auch hier waren Tausende dabei.

Dazwischen leisten die Islamverbände kontinuierliche Arbeit. Die Ahmadiyya-Gemeinde etwa hat laut Wagishauser seit zwei Jahren eine Vortragsreihe zum Thema Islam und Terror, die in 50 Städten stattfinde. „Dabei erklären wir, dass die Quellen des Islams überhaupt nichts hergeben für diese radikalen Haltungen, Selbstmordattentate und Angriffe auf Unschuldige.“ Zudem gingen Mitglieder der Ahmadiyya-Jugendorganisation mit T-Shirts in die Innenstädte, auf denen stehe „Islam heißt Frieden“ oder trügen Banner mit dem Spruch „Ich bin Muslim – haben Sie Fragen?“ – um so mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.

Was muss noch getan werden?

Wagishauser sieht weiteren Handlungsbedarf. „Ich würde mir wünschen, dass die Islamverbände gemeinsam klarere Bekenntnisse gegen den Terror abgeben würden. Aber der innerislamische Dialog ist schwierig, da viele Verbände – wie auch Ditib – an bestimmte politische Vorgaben gebunden sind.“ Zudem gebe es auch in Deutschland Moscheen, in denen Gewalt gepredigt werde. Da sei Aufmerksamkeit gefragt. „Wenn Islamverbände das mitbekommen, dann müssen sie es dem Verfassungsschutz melden.“

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