Politik : Moskau sucht für sich eine tragende Rolle

ELKE WINDISCH

MOSKAU .Daß die Verhandlungen zwischen Außenminister Iwanow und seiner US-amerikanischen Kollegin Albright gestern in Oslo überhaupt stattfanden, wertete das russische Außenamt angesichts der neuen Eiszeit zwischen Rußland und der NATO bereits als Erfolg an sich.An konkrete Ergebnisse glaubte im Vorfeld allerdings niemand: Niedriger hängen, lautete die Parole angesichts scheinbar unüberbrückbarer Gegensätze der Auffassungen.Zumal Iwanow in Oslo nicht nur die russische, sondern auch die Position zu vertreten hatte, die sowohl Premier Primakow als auch Duma-Präsident Selesnjow bei ihren jüngsten Besuchen in Belgrad mit Slobodan Milosevic abgestimmt hatten.Dazwischen aber liegen noch Welten: Milosevic fordert ein Ende der Bombardements und ist erst dann bereit, die Polizeiaktionen im Kosovo einzustellen.Genau das fordert auch der Westen, nur leider in umgekehrter Reihenfolge.

Die Aufgabe Iwanows, so das russische Fernsehen, bestehe daher darin, Washington zur Annahme einer gemeinsamen Plattform zur politischen Beilegung der Krise zu bewegen.Diese beinhaltet unter anderem einen bereits Ende März formulierten Plan, den Rußland mit Belgrad bereits weitgehend abgestimmt hat: Das Friedenskontingent zur Überwachung der in Rambouillet getroffenen politischen Abmachungen soll sich vor allem aus russischen Einheiten und den osteuropäischen NATO-Neumitgliedern rekrutieren und zudem ein Mandat der OSZE oder der Vereinten Nationen erhalten.Daß auf dieser Basis ein Kompromiß zustande kommen könnte, hat aus russischer Sicht am Montag die NATO-Außenministerkonferenz signalisiert.Wie man es hier sieht, wahrscheinlich als Frucht der Erkenntnis, daß der schwierige Milosevic eine Friedenslösung, bei der Rußland als nicht in die Aggression involvierte Macht eine mehr als rein symbolische Rolle spielt, eher akzeptieren wird.

Moskau, so die hiesige Presse hat dazu bereits konkrete Vorstellungen entwickelt.So habe die in Bosnien gesammelte Erfahrung gezeigt, schreibt die liberale "Iswestija", daß Friedenstruppen nur dann erfolgreich sind, wenn die verfeindeten Volksgruppen getrennt wurden.Das aber hat Milosevic - mit einem Maximum an Brutalität - bereits erledigt: Im industrialisierten, an Bodenschätzen reichen Norden des Gebietes, der im Falle einer Teilung an Belgrad fallen würde, gibt es keine Albaner mehr.Eben dort, so das Blatt, wolle Moskau sein Kontingent stationieren.Den Süden indessen solle die NATO kontrollieren.Möglichkeiten einer Teilung des Kosovo hat nach Meinung des Blattes nicht nur Primakow in Belgrad erörtert.Auch der russische Auslandsgeheimdienst hatte mehrfach behauptet, Washington arbeite ebenfalls an einschlägigen Szenarien.

Moskaus offensive Verhandlungsdiplomatie ist nicht ganz uneigennützig und schon gar nicht umsonst.Zum einen braucht der von Absetzung bedrohte Jelzin dringend vorzeigbare Erfolge, um der linken Opposition das Wasser abzugraben.Zum anderen verbindet Moskau mit einem von Rußland initiierten Durchbruch in der Kosovo-Krise Hoffnungen auf neue Kredite des Westens.Allein deshalb schon dürfte der Kreml den offiziellen Antrag auf Aufnahme Jugoslawiens in die Union Rußland-Weißrußland, den das Belgrader Parlament am Montag verabschiedete, nach Kräften blockieren.Das allerdings funktioniert nur solange, wie der Kreml nicht unter massiven innenpolitischen Druck gerät.Um das zu verhindern muß, wie der französische Außenminister Hubert Vedrine es bereits forderte, Rußland nicht nur symbolisch in die Konfliktregelung eingebunden werden, sondern eine tragende Rolle spielen.

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