Politik : Moskau vertuscht Rückschläge gegen die islamischen Rebellen

Elke Windisch

Das Militär fliegt dreißig nächtliche Bombenangriffe. Doch die "entscheidende Offensive" verschiebt es immer weiterElke Windisch

Russlands Luftwaffe hat in der Nacht zum Donnerstag nach eigenen Angaben rund dreißig Bombenangriffe gegen Stellungen moslemischer Rebellen im Südwesten Dagestans geflogen. Die "entscheidende Offensive", ursprünglich für Mittwoch angekündigt, werde aber erst in der kommenden Woche beginnen, hieß es. Die Moskauer Führung hatte am Mittwoch erstmals eingeräumt, 40 Soldaten seit Beginn der Kämpfe am 7. August verloren zu haben.

Seit fast einer Woche starten russische TV-Sender ihre mittäglichen Nachrichtensendungen mit immer der gleichen Meldung: "Die entscheidende Etappe in der Offensive gegen die Islamisten in Dagestan beginnt in den nächsten Stunden." Genau so pünktlich folgt am Abend das Dementi: Die Operation wird auf "morgen" verschoben. Jetzt wird die nächste Woche als Termin genannt. Russlands Generalstab, der, obwohl eigentlich nur für Kriegshandlungen gegen einen äußeren Feind zuständig, Polizei und Truppen des Innenministeriums längst das Heft aus der Hand genommen hat, begründet die Verzögerung mit zusätzlichen Vorbereitungen, um die Anzahl der Opfer zu minimieren. Die "Iswestija" spricht unter Berufung auf einen anonymen Strategen indes gar von "etwa sechs Monaten bis zur völligen Säuberung des Gebiets" - und kommt damit der Wahrheit offenbar näher.

Der Hauptgrund für das Zögern Moskaus sind gravierende Fehler bei der Lageeinschätzung. Russische Generalstäbler werden nach wie vor auf Feldschlachten mit klarem Frontverlauf wie im "Großen Vaterländischen Krieg" getrimmt. Nach welchen Regeln hingegen ein Kampf gegen die Guerilla zu gewinnen wäre, ist ihnen trotz Afghanistan und Tschetschenien ein Buch mit sieben Siegeln. Die Islamisten, die in Dagestan, vorbei am russischen Geheimdienst, schon vor Monaten auf strategisch wichtigen Höhen Waffen- und Lebensmitteldepots angelegt hatten, amüsieren sich köstlich, wenn die Geschütze der Angreifer, die, für Scharfschützen gut sichtbar, 500 Meter tiefer in Stellung gehen mussten, ohnmächtig in den Himmel schiessen, und so manches Geschoss als Bumerang in den eigenen (russischen) Reihen landet.

Die Zeit arbeitet gegen die Russen. Zum einen, weil entgegen der offiziellen Darstellung die Fluchtwege der Islamisten weiterhin offen sind, was diese offenbar zu einer Umgruppierung nutzen. Zum anderen ist die Geduld der Dagestaner erschöpft. Deren anfänglich pro-russische Stimmung droht, wegen mangelnder Erfolge der Regierungstruppen umzuschlagen. Inzwischen aber hat die schwache dagestanische Regierung der Forderung der Öffentlichkeit nach Heimwehren nachgegeben und bereits 13 000 Freiwillige bewaffnet; mehr als genug, um den von Konflikten und gegenseitigen Gebietsansprüchen gebeutelten ethnischen Flickenteppich Dagestan in einen Bürgerkrieg zu stürzen, dessen Fronten kreuz und quer verlaufen würden.
© 1999

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