• Moskau will Rebellen keine Atempause lassen - Putin weist Waffenstillstands-Angebot Maschadows zurück

Politik : Moskau will Rebellen keine Atempause lassen - Putin weist Waffenstillstands-Angebot Maschadows zurück

Elke Windisch

Voreilig feierten Beobachter gestern bereits das Ende des Kaukasuskrieges. In einem Interview für die Tageszeitung "Kommersant" hatte Tschetschenenpräsident Aslan Maschadow, der bereits Anfang vergangener Woche Verhandlungen ohne Vorbedingungen angeboten hatte, erklärt, seine Einheiten hätten nun auch Befehl, die Kampfhandlungen einseitig einzustellen. Außerdem würden alle Kriegsgefangenen freigelassen. Gleichzeitig sagte Maschadow, direkte Verhandlungen mit der russischen Führung über eine politische Regelung des Konflikts hätten bereits begonnen.

Dementiert wurde die Sensation von Wladimir Putin persönlich. Putin sagte, er habe zwar über Inguschenpräsident Ruslan Auschew ein direktes Angebot Maschadows erhalten, dieses aber als unzureichend abgelehnt. Moskau bestehe auf Freilassung aller Geiseln und der Herausgabe der Sprengstoffattentäter, die im vergangenen Herbst in russischen Großstädten mehrere Wohnhäuser in die Luft gesprengt hatten. Für die "tschetschenische Spur" blieb Moskau bislang allerdings Beweise schuldig. Da Maschadow auf die Forderungen nicht eingegangen sei, so Putin weiter, müsse er "als Verbrecher eingestuft werden" und könne bestenfalls mit Amnestie rechnen.

Maschadow, so auch Putins Tschetscheniensprecher, Sergej Jastrschembski, wolle sich mit dem neuen Friedensangebot nur eine Atempause verschaffen. Außerdem kontrolliere er die tschetschenischen Einheiten nur noch teilweise. Daher würde die "Spezialoperation im Süden Tschetscheniens" fortgesetzt. Dabei soll vor allem die 81 Kilometer lange Grenze zu Georgien hermetisch abgeriegelt werden.

Die verläuft mitten über den Kamm des Großen Kaukasus, bisher übernahm General Winter den Grenzschutz. Mit Eintreten der Schneeschmelze werden die Pässe wieder passierbar. Russland aber ist dort momentan eher nur symbolisch präsent.

Dadurch, so ein hoher Offizier gegenüber der Tageszeitung "Sewodnja", erhöhe sich zum einen die Gefahr, dass die Freischärler ihre Bestände an Waffen und Munition auffüllen. Zum anderen seien unter den etwa 10 000 Kriegsflüchtlingen, die bei den georgischen Tschetschenen in der Pankissi-Schlucht Zuflucht fanden, rund fünftausend Kämpfer aus Maschadows eiserner Reserve.

Diese, und das vor allem sorgt sowohl in Moskau als auch in Tiflis für Nervosität, könnten außerdem die russischen Stützpunkte in Georgien überfallen. Ein durchaus lohnendes Ziel: Die Bewaffnung der vier Militärbasen, wo etwa 10 000 Soldaten stationiert sind, stammt noch aus sowjetischen Zeiten. Damals aber war der transkaukasische Militärbezirk wegen der nahen Grenze zum Nato-Land Türkei mit modernster Kriegstechnik ausgestattet.

Mit ihren Erkenntnissen sind georgische Geheimdienste jüngst bei den russischen Kollegen sogar offiziell vorstellig geworden. Moskau hat allen Grund, die Warnungen ernst zu nehmen. Die in Georgien stationierten Kontingente rekrutieren sich inzwischen zu 80 Prozent aus Einheimischen. Mit denen aber ist im Ernstfall kein Staat zu machen. Ihnen sitzt, genau wie den 33 000 Soldaten von Georgiens Armee, noch der Schreck in den Gliedern, den die Tschetschenen ihnen versetzten, als sie 1993/94 beim Bürgerkrieg in Provinz Abchasien ihren Glaubensbrüdern zur Hilfe eilten.

Dennoch scheint die russische Führung bislang eher geneigt, das Ganze als Erpressungsversuch abzutun, um die Räumung von zwei Basen zu beschleunigen, wozu Moskau sich im Rahmen der Abkommens zur Begrenzung konventioneller Rüstung in Europa (KSE) auf dem OSZE-Gipfel in Istanbul im vergangenen November verpflichten musste. Offizieller Termin ist der 31. Dezember 2001. Russland zeigt indes keine Eile, weil Präsident Eduard Schewardnadse Anspruch auf die Kriegstechnik angemeldet hat. Für Moskau eine Provokation, da Georgien sich spätestens im Jahre 2005 um die Nato-Mitgliedschaft bewerben will.

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