Politik : Moslems in Deutschland: Die Angst, verantwortlich gemacht zu werden

Ulrike Fokken

Die islamischen Gläubigen in den rund 2700 Moscheen in Deutschland haben gestern der Toten, Verletzten und deren Familien gedacht. "Wir schließen sie in unsere Gebete ein", sagte Ali Kilinc, Vorsitzender der Türkisch Islamischen Union (Ditib), vor dem Freitagsgebet. Er und die Mitgliedsorganisationen sehen in den Anschlägen von New York und Washington einen "Angriff auf die Menschheit - deswegen muss die gesamte Menschheit jetzt trauern".

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Seine Organisation der türkischen Moslems in Deutschland habe immer deutlich gemacht, dass Terror kein Mittel ist. In die Trauer um die Opfer der Anschläge mischt sich unter den hier zu Lande lebenden Moslems aber auch die Angst: Angst, verantwortlich gemacht zu werden für etwas, das die Mehrheit der Moslems ebenso ablehnt wie die Christen in diesem Land. Auch in anderen Ländern Europas erhielten moslemische Gemeinden in den letzten Tagen Drohungen vor Racheaktionen.

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland ist "entsetzt" über die verheerenden Anschläge auf die USA. "Wir können keine Rechtfertigungen für die Taten finden", sagte Abdel Wahab vom Zentralrat der Muslime. Schließlich stehe doch im Islam ausdrücklich: Wer eine Seele tötet, tötet alle Menschen, wer eine Seele rettet, rettet alle Menschen.

Cem Özdemir, Innenpolitiker der Grünen, und Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) hatten spontan die Vertreter der islamischen Religionsverbände eingeladen. Die beiden Grünen fürchten, dass sich die Beschimpfungen und Schmähungen von Moslems der letzten Tag verstärken könnten. "Bin Laden ist nicht der Islam", sagte Özdemir. Er warnte vor "einer Einteilung in Gut und Böse". Barbarei gebe es auch in anderen Religionen, wie die Brandbomben der Protestanten auf Schulkinder in Nordirland zeigen würden.

Abu Bakr Rieger vom Islamrat bat um "Fairness". In den angeschlossenen Moscheen sei man "sehr hellhörig" gegenüber Fundamentalisten und unterbinde deren Aktivitäten.

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