Motassadeq-Urteil : Richter: "Versteht er es?"

Mounir al Motassadeq schaut zunächst irritiert. Gerade hat der Vorsitzende Richter Ernst-Rainer Schudt als Vorsitzender der 4. Strafkammer des Hamburger Oberlandesgerichts das Urteil für den Angeklagten verkündet.

Hamburg (19.08.2005, 14:51 Uhr) - Sieben Jahre Haft für die Mitgliedschaft in der Hamburger Terrorgruppe, welche die verheerenden Attentate vom 11. September 2001 geplant und begangen hat. «Versteht er es?», fragt Schudt besorgt die Verteidiger des Marokkaners. Mit Hilfe des Dolmetschers versteht der 31-jährige Motassadeq den Sinn der Worte. «Der Angeklagte hat zwei Jahre lang der gefährlichsten terroristischen Vereinigung angehört, die man sich vorstellen kann», begründet Schudt den Richterspruch.

Die Todespiloten des 11. September seien «hasserfüllte Fanatiker» gewesen. «Und Sie, Herr Motassadeq, waren ein Gesinnungsgenosse dieser Leute», wirft Schudt dem Marokkaner vor. Für eine Beihilfe zum Mord in mehr als 3000 Fällen, welche die Bundesanwaltschaft Motassadeq ebenfalls zur Last gelegt hat, fand das Gericht aber keine ausreichenden Beweise. Der 31-Jährige habe nicht gewusst, was in den USA genau passieren sollte. Als Attentäter habe er wohl nicht getaugt, zu weich sei er für eine solche Aufgabe. «Der Angeklagte hat keine persönliche Schuld am Tod der Opfer», stellt der Richter klar.

Motassadeq, bekleidet min Jeans und kariertem Sommerhemd, hört der Urteilsbegründung fast reglos zu, meist stützt er das Kinn in die linke Hand. Anders als im ersten Prozess, an dessen Ende er im Februar 2003 zu 15 Jahren Haft verurteilt worden war, hat der Marokkaner im zweiten Verfahren beharrlich geschwiegen - weil ihm in dem früheren Verfahren nicht geglaubt worden sei. «Ich hätte es begrüßt, wenn wir ins Gespräch gekommen wären, dann hätten wir manches klären können», sagt Richter Schudt. «Wie soll ich jemanden verstehen, der nicht mit mir redet?»

Ab und zu schüttelt Motassadeq den Kopf und lächelt resigniert, wenn Schudt die Sicht des Gerichts von der Rolle des einstigen Studenten der Elektrotechnik in der Terrorzelle um den Todespiloten Mohammed Atta schildert. «Er ist eher ein Mitläufer, aber er distanziert sich nicht», meint der Richter. Er sei da gewesen, wenn er gebraucht wurde, wenn die Überweisung von Semestergebühren oder die Auflösung von Mietverträgen den wahren Aufenthaltort und die Terrorpläne der späteren Todespiloten verschleiern sollten.

«Höflich, sympathisch, zurückhaltend, in seiner eigenen religiösen Welt lebend», fasst Schudt Zeugenaussagen über Motassadeq zusammen. Doch auch der Angeklagte sei zunehmend radikaler geworden. Dass der Marokkaner aus frommer Pflichterfüllung zum Erlernen des Reitens, Schießens und Schwimmens in ein Terrorcamp der Al Qaida nach Afghanistan gegangen sein will, nimmt das Gericht ihm nicht ab. «Ihre Erklärung dafür ist absurd», sagt der Richter. Motassadeq nickt leicht.

«Den Opfern der Anschläge waren wir es schuldig, nach möglichst vielen Beweisen zu suchen», meint Schudt. Das Gericht habe sich redlich bemüht, in einem Jahr, nach 70 Verhandlungstagen und 112 Zeugenvernehmungen, die Wahrheit herauszufinden. Das Urteil gegen Motassadeq solle anderen gewaltbereiten Fanatikern als Abschreckung dienen. «Es ist ja nicht so, dass islamische und westliche Werte nicht nebeneinander existieren könnten», sagt der Richter zum Schluss. (Von Kai Portmann, dpa)

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