Mounier Azzaoui, Politikwissenschaftler : "Muslime gelten nicht als Gefahr"

Mounir Azzaoui über den Islam in den USA nach dem Amoklauf von Fort Hood.

Andrea Dernbach
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Foto: privat

Herr Azzaoui, welche Rolle spielt es in der US-Öffentlichkeit, dass der Amokläufer von Fort Hood vermutlich ein frommer Muslim ist?

Der Blick ist differenziert, selbst auf der Website des konservativen Senders „Fox News“ stehen Äußerungen wie die, dass die muslimischen US-Soldaten ihre Loyalität zu Amerika in den Kriegen in Afghanistan und Irak zur Genüge bewiesen hätten und man aus einem Einzelfall keine generellen Schlüsse ziehen darf.

Wie stehen Amerikas Muslime zu diesen Kriegen?

Die größte muslimische Organisation in den USA, die Islamic Society of North America (ISNA), hat aktuell mitgeteilt, dass man stolz auf alle Soldaten sei, die den USA loyal dienen, und dankbar für die Opfer, die sie bringen. Dabei ist zu beachten, dass das Militär in den USA eine integrierende Funktion in der Gesellschaft hat, die uns Deutsche eher befremdet.

Präsident Obama hat in seiner Kairoer Rede sehr positiv von Amerikas Muslimen gesprochen. Teilen nichtmuslimische Amerikaner diese Sicht?

Obamas Rede war aufs Ausland gemünzt. Man hatte ihm klargemacht, dass er in Kairo und der arabischen Welt nur überzeugen kann, wenn er von den Muslimen im eigenen Land spricht. Die hatte er bis dahin links liegen lassen und im Wahlkampf nicht direkt angesprochen. Obama ist nach diesem Amoklauf in Texas in einer schwierigen Lage – zumal das Gerücht noch immer in der Welt ist, er wäre selbst Muslim. Auch in den USA gibt es nicht zu unterschätzende rassistische und antimuslimische Strömungen, die jetzt Auftrieb bekommen könnten.

Was meinen Sie?

Nehmen Sie zum Beispiel das Buch „Muslim Mafia“, das seit kurzem auf dem Markt ist. Eine seiner Hauptthesen ist, dass die wichtigste muslimische Lobby in den USA, das „Council on American-Islamic Relations“ (Cair), Praktikanten in den Kongress einschleust, um die USA zu unterminieren. Es wurde von vier republikanischen Kongressabgeordneten unter großer Geheimhaltung vorgestellt. Interessant ist aber, dass diesmal sofort deutlicher Gegenwind kam. Ein Zusammenschluss von 87 hispanischen, afroamerikanischen und asiatischen Abgeordneten erklärte, das Buch erinnere sie an die Hexenjagden des McCarthyismus.

Welche Unterschiede gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung von Muslimen in Europa und in den USA?

Da gibt es einmal den sozioökonomischen Unterschied.  US-Muslime spiegeln nach Einkommen und Bildung den US-Durchschnitt wider, sie sind Mittelklasse. Dann sind 40 Prozent der Muslime Afroamerikaner, was es schwierig macht, sie und den Islam als fremd abzustempeln. Da nur zehn Prozent der Neueinwanderer Muslime sind, werden sie nicht als Gefahr wahrgenommen. Als Gefahr für die angloamerikanische Kultur gelten eher die Hispanics. Islamismus sieht man als etwas, das man an der Grenze stoppen kann – schließlich kamen auch die Attentäter von 9/11 nicht aus den USA. Zudem hilft es Muslimen in den USA, dass die Gesellschaft insgesamt religiöser ist als in Europa.

Mounir Azzaoui, Mitgründer der „Grünen Muslime“ der Bündnisgrünen, ist Politikwissenschaftler und forscht derzeit an der Georgetown University. Mit ihm sprach Andrea Dernbach.

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