Münchner Amoklauf : Rituale der Bewältigung

Nach dem Amoklauf in München wird viel gefordert: mehr Polizisten, schärfere Waffengesetze, Bundeswehr im Inneren, Verbot von Ballerspielen. Durchdacht ist das alles nicht. Ein Kommentar

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Polizisten in Spezialausrüstung sichern in München das Gelände.
Polizisten in Spezialausrüstung sichern in München das Gelände.Foto: dpa

Amokläufe, Terroranschläge, menschliche Katastrophen: In der modernen Mediendemokratie gehorchen solche emotionalen Ereignisse stets der gleichen Choreographie. Nach dem Entsetzen und dem Leid folgen die Politiker-Rituale. Es beginnt mit empathischen Statements. Bundespräsident Joachim Gauck ist „in Gedanken bei den Opfern und bei allen, die um einen geliebten Menschen trauern“, bei der Kanzlerin und vielen anderen klingt es ähnlich. Man kann das als aufgesetzt empfinden – aber erstens muss man auch Spitzenpolitiker nicht für kalt und gefühllos halten, und zweitens geben solche Worte nach extremen Situationen vielen Menschen Halt und Vertrauen. Auch dass Obama und der Papst nach dem Münchner Amoklauf den Deutschen ihre Solidarität versichern, ist natürlich ein Symbol. Aber eines, das gut tut.

Und dann? Es folgt Teil 2 der Katastrophen-Rituale: Geht es um einen Amoklauf, ist umgehend erstens der Ruf nach dem Verbot von Ballerspielen zu hören, zweitens der nach schärferen Waffengesetzen. Meistens sind es die Innenminister, die am lautesten rufen, so wie gerade Thomas de Maizière, der prüfen will, „ob und gegebenenfalls wo es noch gesetzlichen Handlungsbedarf gibt“. Auch eine bessere Ausstattung der Polizei gehört zu den Standardforderungen nach jeder Gewalttat; gerade hat sie Horst Seehofer wiederholt.

Längst ist erforscht, dass kein Ballerspiel einen Menschen zum Amokläufer macht

Nach größeren „Lagen“ folgt reflexhaft die Diskussion, ob man die Bundeswehr auch zur Terrorabwehr einsetzen sollte. Es ist eine alte Forderung; Wolfgang Schäuble hat sie schon vor Jahren erhoben. Dabei ist die Polizei gut in der Lage, solche Situationen wie am Freitag zu beherrschen; in München wurden innerhalb von Minuten 2300 Beamte aufgeboten. Auch gibt es in Deutschland ein Waffengesetz, das keiner Verschärfung bedarf. Und längst ist erforscht, dass kein Ballerspiel einen Menschen zum Amokläufer macht.

So bleibt nach dem Amoklauf von München (wieder einmal) der ungute Verdacht: Jeder möchte die grausame Tat für seine Interessen einspannen. Es ist ein Ritual, das wohl kaum je ein Ende finden wird.

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Tausende gedenken in München der Opfer des Amoklaufs
Tausende gedenken in München der Opfer des Amoklaufs

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