Münteferings Comeback : "Franz wählen"

Zurück auf der politischen Bühne: Franz Müntefering wirbt für Franz Magets SPD im Wahlkampf in Bayern, für die Regierung in München hat er nur ein Wort übrig: Waschlappen. Auf Bundesebene verlangt er mehr politische Führung von Berlin.

Stephan Haselberger[München]
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Wahlkämpfer. Bayerns SPD-Spitzenkandidat Franz Maget und Franz Müntefering (l.). -Foto: dpa

Noch hagerer ist er geworden. Draußen ist schönstes Biergartenwetter, drinnen schwitzen sie bei drückender Schwüle. Franz Müntefering steht im großen Saal des Münchner Hofbräukellers auf der Bühne. Vor fünf Wochen ist seine Frau Ankepetra an Krebs gestorben. Seither hat die SPD viel spekuliert über ein mögliches Comeback des einstigen Vizekanzlers in die erste Reihe der SPD. Mit Hoffnung im Herzen die einen, bangend die anderen, gleichgültig keiner.

Münteferings Rückkehr an die Spitze – vielleicht beginnt sie an diesem Abend in München, mit einer Wahlkampfrede für die Bayern-SPD. Wegen der Hitze hat der 68-jährige Wahlkampfhelfer anstelle seines roten Schals eine rote Krawatte angelegt. Er reckt beide Daumen in die Luft, wie früher als er noch SPD-Chef war und die Bundesparteitagsdelegierten ihm zujubelten. Heute jubeln die Münchener Sozialdemokraten. Schon auf der Straße haben die ersten applaudiert, jetzt beklatschen sie ihn minutenlang. 600 sollen gekommen sein, davon mindestens 100 Journalisten.

Neben Müntefering steht ein anderer Franz und strahlt. Es ist der freundliche Mittfünziger Franz Maget, der es nun schon zum zweiten Mal auf sich nimmt, für die Bayern-SPD als Spitzenkandidat anzutreten. Vor fünf Jahren, auf dem Höhepunkt des SPD-Streits um die Agenda 2010, wurde Maget mit 19,6 Prozent abgestraft, während Ministerpräsident Edmund Stoiber mit 60 Prozent triumphierte. Heute müssen Stoibers stolpernde Nachfolger, Ministerpräsident Günther Beckstein und CSU-Chef Erwin Huber, um die absolute Mehrheit bangen, aber die Bayern-SPD kann von der Schwäche der CSU nicht profitieren: Seit Monaten dümpelt die Partei des netten Franz Maget in den Umfragen bei Werten von 20 Prozent vor sich hin.

In gewisser Weise geht es Maget und den bayerischen Genossen also wie der gesamten SPD: Sie können die Hilfe eines Franz Müntefering dringend gebrauchen. Die Frage ist nur, was Franz Müntefering unter Hilfe für die SPD versteht.

Ratgeber oder Gardinenprediger, Retter oder Putschist – wieder einmal gibt „Münte“ der Sozialdemokratie Rätsel auf. Bei der Rolle des Gelegenheitswahlkämpfers, so viel ist klar, wird er es nicht belassen. Ein paar Stunden vor dem Münchener Auftritt hat der Herder Verlag den Titel des Buches bekannt gegeben, mit dem Müntefering im Oktober in die Kursdebatte der SPD eingreifen will. Er klingt wie ein Ordnungsruf an die Führungsriege der großen Koalition in Berlin: „Macht Politik!“

Eine Überraschung ist das nicht. Dass Merkel, Beck und Co sich auf Machtpolitik im Sinne von Machtabsicherung beschränken, anstatt das Land zu führen – dieser Überzeugung ist Müntefering seit Langem. „Die politische Führung in diesem Land ist weitgehend vakant“, schrieb er im Mai in einem Zeitungsbeitrag. Mangelnde Führung und falsche Rücksichtnahme – das ist auch sein Thema auf der Münchener Bühne. Angesprochen fühlen muss sich beileibe nicht nur die CSU. Die nennt Müntefering „Waschlappen“, weil sie erst die Kilometerpauschale gekürzt und den Gesundheitsfonds mit beschlossen hat, nun aber davon nichts mehr wissen will. Den Wählern in Bayern und anderswo ruft Müntefering zu: „Lauft weg vor denen, die sich immer nach dem Winde drehen und euch nach dem Munde reden!“ Und die Politiker mahnt er: „Wer führen will politisch, muss in der Lage sein, die Fahne zu tragen. Der muss deutlich sagen, wohin die Reise gehen soll!“

Man kann das alles auch als Tadel am Kurs des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck verstehen. Den hält Müntefering, man weiß es, für eine Fehlbesetzung. Und manche in der SPD glauben, er trachte Beck nach dem Amt. Andere wiederum mutmaßen, Müntefering wolle mit seiner Rückkehr Druck auf Beck ausüben, ihn dazu bewegen, schnell auf die Kanzlerkandidatur zu verzichten.

Putschist? Retter? Oder nur mahnender Ratgeber? Fast 50 Minuten spricht Franz Müntefering in München, ohne eine Antwort auf diese Frage zu geben. Am Ende ist sein Hemd durchnässt. Die Genossen jubeln. Maget legt den Arm um ihn, beide hängen sich Lebkuchenherzen um den Hals. Darauf steht: „Franz wählen.“

Vielleicht macht Franz Müntefering im Moment einfach nur das, was Berufspolitiker im Grunde immer machen: Sich auf eine Situation vorbereiten, von der man nicht weiß, ob sie am Ende auch tatsächlich eintritt.

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