Muhammad Yunus : „Wir sind größer als Geld“

Friedensnobelpreisträger Yunus spricht im Tagesspiegel-Interview über Hilfe zur Selbsthilfe, die G 8 und Kredite für Kühe.

Dagmar Dehmer
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Friedensnobelpreisträger 2006 Yunus vergab in Bangladesch Kredite für Arme.Foto: dpa

Ihr alter Gegner, die Weltbank, fragt Sie inzwischen um Rat. Wie ist es, ein Weltbank-Berater zu sein?



(lacht) Ich berate die Weltbank nicht. Ich werde gelegentlich eingeladen und stehe zu meiner Meinung: Dass die Weltbank immer sagt, sie sei dazu da, die Armut zu überwinden. Es sieht aber nicht danach aus, als würde sie dieses Ziel erreichen.

Auch nicht mit dem neuen Präsidenten?

Ich würde mir wünschen, dass Robert Zoellick die Weltbank so umbaut, dass sie tatsächlich eine Bank der Armen wird. Anstatt die ganzen Großprojekte zu finanzieren, sollten sie mit den Armen anfangen. Ich bin zwar immer optimistisch, aber ich habe ein ungutes Gefühl. Denn das alte System wird einfach fortgesetzt. Ich habe nichts dagegen, wenn die Amerikaner den Weltbankpräsidenten auswählen. Aber warum können die USA nicht auf der ganzen Welt die geeignetste Person suchen? Als der Name bekannt wurde, war ich enttäuscht. Zoellick versteht die Wall Street. Aber Entwicklung ist nicht die Wall Street und die Weltbank kein Broker-Haus.

Wie könnte die Weltbank eine Bank der Armen werden?

Es geht nicht nur darum, eine Brücke zu bauen. Es geht auch darum, wem die Brücke dann gehört. Wenn die Bewohner der Region die Brücke besitzen, werden sie darauf achten, dass sie in einem guten Zustand bleibt. Sie können Geld einnehmen, wenn sie genutzt wird, und mit diesen Mitteln die Instandhaltung finanzieren. Und vielleicht braucht es auch noch anderswo eine Brücke. Wenn die Weltbank die erste voll finanziert hat, kann sie die nächste zur Hälfte finanzieren, und die anderen 50 Prozent werden von den Besitzern der ersten Brücke aufgebracht und so weiter. Bisher ist gehört die Brücke der Regierung. Die Leute haben nicht viel davon.

Der G-8-Gipfel hat erneut Afrika auf der Tagesordnung. Braucht Afrika mehr Geld?

Nein. Ich habe nie gesagt, dass Geld das Wichtigste ist. Es steht an zweiter oder dritter Stelle. An erster stehen die Institutionen. Da müssen Initiativen der Zivilgesellschaft unterstützt werden. Da müssen Menschen in die Lage versetzt werden, ihr unternehmerisches Potenzial zu entwickeln. Wenn man über Geld redet, geht es meistens um Geld für eine Regierung. Und diese Maschine arbeitet nicht gut genug. Es geht darum, die Menschen zu befähigen, ihre Probleme selbst zu lösen – wie mit der Brücke. In Bangladesch haben wir damit ausgezeichnete Erfahrungen gemacht. Obwohl die Regierung nicht gut geführt ist. Die Wirtschaft wächst, die Zahl der Armen sinkt. Es gibt auch in Afrika viele unternehmerische Köpfe.

Ganz Nigeria ist voll von Unternehmern.

Ja, auch wenn viele Afrikaner sagen, das seien alles Strolche. Ich sage immer, um ein Strolch zu sein, braucht es Initiative. Die Frage ist, wie diese Initiative für soziale Unternehmungen genutzt werden kann. Es geht dabei nicht nur um Profitmaximierung. Wir sind keine Geldmach-Maschinen. Wir sind größer als Geld. Wir wollen auch Menschen helfen. Ich helfe Menschen aus der Armut. Das ist meine Aufgabe und mein Geschäft. Das ist die Maschine, die in jedem von uns steckt, und die wir starten müssen. Dass das möglich ist, haben wir mit der Grameen-Bank bewiesen. Wir haben den Friedensnobelpreis gewonnen.

Wie können die G 8 helfen?

Wenn sie den Kleinkredit-Fonds und einen Fonds für soziale Unternehmen finanzieren. Damit können sie etwas erreichen. Auch indem sie neue Informationstechnologien zu den entlegensten Gebieten Afrikas bringen. Daraus entstehen neue Geschäftsideen und Chancen, der Armut zu entkommen. Wie in Bangladesch die Telefondamen, die in ihren Kiosken gute Geschäfte machen, aber auch jedem den Zugang zu Information möglich machen.

Welche Rolle können Kleinkredite bei der Bewältigung des Klimawandels spielen?

Eine begrenzte. Wir können mit Kleinkrediten saubere Energien zu den Armen bringen. Wir haben in Bangladesch Grameen-Solar gegründet, um den Armen Strom zu bringen. Wir haben schon etwa 1000 Systeme finanziert, weitere 4000 Anträge liegen vor. Die Menschen tun das, weil sie den Strom brauchen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wir bringen auch Biogas zu den Menschen. Wir geben Kredite für Kühe, und so können die Menschen auch gleich noch mit Biogas kochen und müssen keine Bäume abhacken. Das ist klein im Vergleich zu dem, was die reichen Länder anrichten.

Vor allem für ihr Land.

Genau. Die reichen Länder können so viel Energie verschwenden, obwohl das eine ökologische Bürde ist – zum Beispiel für Bangladesch. Egal, wie sehr wir uns bemühen, wir werden das, was die reichen Länder angerichtet haben, mit Kleinkrediten nicht bewältigen können.

Das Interview führte Dagmar Dehmer.

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