Muntazer al-Zaidi : Der Schuhwerfer: Gefeiert und kritisiert

Eine Woche lang war er der Held der Araber. Ein Ägypter bot ihm die Hand seiner 20-jährigen Tochter, ein saudischer Geschäftsmann zehn Millionen Dollar für die Schuhe, mit denen Muntazer al-Zaidi auf George W. Bush gezielt hatte. Doch es gibt auch Kritik an dem irakischen Journalisten.

Martin Gehlen[Kairo]
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Der Schuhwerfer Muntazer al-Zaidi.Foto: AFP

Tausende gingen in arabischen Städten auf die Straße, feierten den irakischen Fernsehmann für seinen Wurf und forderten seine Freilassung. Libyens Wohlfahrtsorganisation, geleitet von Tochter Gaddafi, verlieh ihm eine Ehrenmedaille. Ein junger Brite programmierte im Internet eine virtuelle Schuhattacke auf den US-Präsidenten, die bereits mehr als zwei Millionen Spieler anlockte.
Und auf dem Filmfestival in Dubai verkündete die amerikanisch-palästinensische Drehbuchautorin Annemarie Jacir, ihren Preis für das beste arabische Drehbuch symbolisch an den über Nacht berühmt gewordenen Iraker weiterzureichen.

Doch inzwischen mehren sich auch die kritischen Töne. Der Vorfall sei "eine Beleidigung für den Journalistenberuf", kritisierte die angesehene arabische Zeitung "Asharq al-Awsat". Journalisten seien keine Mudschahedins, sondern für die Beschaffung von Informationen zuständig. Ihre Waffen seien kritische Fragen und nicht lederne Wurfgeschosse.

Auch der Shooting-Star selbst ist offenbar in seiner Zelle nachdenklich geworden, nicht zuletzt weil ihn der Untersuchungsrichter am Mittwoch über das mögliche Strafmaß von fünf bis 15 Jahren aufgeklärt hat. In einem handgeschriebenen Brief an Ministerpräsident Nuri al-Maliki entschuldigte er sich wortreich für seine "miese Aktion". Nach einem Interview im Sommer 2005 habe al-Maliki ihm beim Abschied doch gesagt, er sei "jederzeit willkommen", flehte er. Der irakische Premier ließ seinen Sprecher hingegen kühl entgegnen, er denke nicht an Rache, aber jetzt sei Muntazer al-Zaidi erst einmal in den Händen der Justiz.

Zuvor hatten irakische Polizei und amerikanische Sicherheitsleute bereits seine beiden im Pressesaal gegen Bush eingesetzten schwarzen Herrenschuhe der Größe 40 komplett zerhackt, angeblich weil sie in den Sohlen Sprengstoff vermuteten. "Ich hätte es vorgezogen, die Schuhe als Beweisstück zu behalten. Da aber al-Zaidi alles gestanden hat und die Fernsehbilder seine Aktion belegen, wird das die Untersuchung nicht behindern", erklärte Richter Dhiya al-Kenani.

Die spektakuläre Tat, deren Bilder Anfang der Woche um die Welt gingen, hat der 29-jährige Schiit offenbar seit längerem geplant. "Wie alle in unserer Familie hasst er die amerikanische Besatzung und betrachtet Bush als den Zerstörer des Irak", sagt seine Tante, die mit ihm im gleichen Haus in der Rashid-Straße in der historischen Altstadt von Bagdad lebt. "Schon immer wollte er Bush mit einem Schuh schlagen, jetzt ist sein Traum in Erfüllung gegangen."

Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften in Bagdad heuerte al-Zaidi vor drei Jahren bei Al-Baghdadia an, einem kleinen von Kairo aus arbeitenden Satellitensender. "Muntazer hasst Amerika. Er hasst US-Soldaten. Und er hasst Bush", bestätigt auch einer seiner Büronachbarn. Im November 2007 wurde al-Zaidi von sunnitischen Milizen entführt, nach einem Appell von Iraqi TV drei Tage später freigelassen.

Im Januar wurde er zum zweiten Mal festgenommen, diesmal von amerikanischen Soldaten. Die durchsuchten seine Wohnung und ließen ihn am nächsten Morgen mit einer Entschuldigung wieder laufen. In seinem spärlich möblierten Zimmer an der Wand hängt ein kleines Regal mit einer Handvoll arabischer und englischer Bücher. Auf dem Schreibtisch stehen zwei Bilder -- eins von seiner Freundin und eins von Che Guevara.

Bei Kollegen gilt der unverheiratete al-Zaidi als leicht erregbar und sehr von sich überzeugt. "Wenn er eine Thema anschneidet, dann nur, um zu demonstrieren, dass keiner so gescheit ist wie er", sagt einer, der mit dem neuen Held der arabischen Straße ein journalistisches Trainingsprogramm im Libanon besucht hat. "Leider hat er aus dem Kurs im Libanon nichts mitgenommen. Dort hatten wir Unterricht in journalistischer Ethik. Und uns wurde gelehrt, dass man unvoreingenommen und neutral bleiben soll."

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