Politik : Museum im Grenzturm Hennigsdorf hält die Erinnerung an Mauerzeiten fest

Claus-Dieter Steyer

Schwäne kennen keine Grenzen. Sie überwinden spielend Zäune und Mauern, setzen sich respektlos auf den Todesstreifen oder überschwimmen einfach die durch Bojen gekennzeichnete Trennlinie im Fluss. Das müssen sich auch jene DDR-Bürger überlegt haben, die sich ausgerechnet Attrappen von ausgewachsenen Schwänen bauten. Darunter versteckten sie sich, um das Ufer der Havel und anschließend den Fluss selbst zu überwinden. Schauplatz der gefährlichen Fluchtversuche war eine der schmalsten Stellen der Havel im Nordwesten Berlins. Der Fluss trennt heute nur den Hennigsdorfer Ortsteil Nieder Neuendorf im Osten von Heiligensee im Westen. Doch 28 Jahre lang verlief hier die streng bewachte Grenze zwischen Ost und West, genauer gesagt zwischen West-Berlin und der DDR.

Mit den Schwanenattrappen sollten die Grenzer auf dem Beobachtungsturm getäuscht werden. Da sich die großen Tiere trotz mancher Abschreckung selbst vom Todesstreifen nicht vertreiben ließen, war vor allem ortskundigen Bewohnern die Idee dazu gekommen. Tatsächlich soll mehreren DDR-Bürgern die Flucht mittels Schwanenattrappe über die Havel gelungen sein.

Genaueres gibt es ab heute in eben jenem Grenzturm in Nieder Neuendorf zu erfahren. Um 14 Uhr öffnet die Stadt hier ein Museum über die Mauer in dieser Gegend. Fotos, Modelle, Uniformen und Original-Utensilien sollen die Mauerzeit mit all ihren täglichen Schrecken, Fluchtversuchen und Anekdoten unvergesslich machen. Fast anderthalb Jahre hatte eine ABM-Gruppe ehemalige Grenzoffiziere befragt und Exponate zusammengetragen. Es gleicht einem Wunder, dass die ehemalige Führungsstelle der Grenztruppen überhaupt noch steht. Denn nahezu alle der einst 302 Beobachtungstürme unterschiedlicher Größe an der 155 Kilometer langen Grenzsicherungslinie rund um West-Berlin sind ebenso wie die Mauern, Signalzäune, Postenwege und Peitschenlampen beseitigt worden. Jener Turm in Nieder Neuendorf lag etwas abseits der Straße. Außerdem hatte sich die Natur nach 1990 erstaunlich schnell auch des Wachturmes bemächtigt, so dass er vor lauter Gestrüpp fast gar nicht mehr zu erkennen gewesen war.

Heute dagegen gleicht das Gelände dank eines bis zuletzt wirbelnden Gartenbaubetriebes fast einem Park mit Bänken und bester Aussicht auf Schwäne und Gänse. Sogar der ursprüngliche Verlauf der Mauer zwischen Turm und Postenweg auf der einen sowie dem Havelufer auf der anderen Seite ist durch einen im Boden eingelassenen Betonstreifen wieder sichtbar. Ursprünglich bestanden Pläne für eine originalgetreue Herrichtung der Grenzsicherungsanlage, berichten Anwohner. Doch so groß sei die Toleranz zehn Jahre nach dem Mauerfall doch nicht gewesen.

Einige Kilometer nordwestlich steht zwischen Frohnau und Hohen Neuendorf ein Beobachtungsturm des gleichen Typs, jedoch mit ganz anderer Nutzung. Ein Emblem an der Wand weist ihn als Eigentum der Deutschen Waldjugend aus. Helga Garduhn, gerade für ein 30-jähriges Engagement für den Naturschutz mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt, hatte ihn am 25. Juni 1990 von den Grenztruppen persönlich übernommen. "Garantieleistungen, Ersatzteillieferungen und Instandsetzungen werden durch den Übergebenden nicht gewährt", hieß es im damaligen Protokoll. Die Biologielehrerin wollte den Turm als Naturschutzstation retten. Dieses Vorhaben ist gelungen, wie die Anlagen inner- und außerhalb des Turmes beweisen. Jeden Freitag treffen sich Mitglieder der Waldjugend zur Pflege ihres Biotops.

Im Unterschied zu diesen beiden Wachtürmen macht das dritte gefundene Zeugnis der einstigen Mauer einen recht zerfallenen und vernachlässigten Eindruck: Die ehemalige Führungsstelle des Grenzübergangs Dreilinden im Süden Berlin ist mit Graffiti beschmiert und demoliert. Dennoch bahnt sich auch hier eine dauerhafte Lösung an. Ein eigens gegründeter "Verein Erinnerungsstätte ehemaliger Grenzübergang Dreilinden/Drewitz Checkpoint Bravo" will zusammen mit der Firma Sitex in dem Turm inmitten des heutigen Europarcs eine Ausstellung und ein Café eröffnen. An Geschichten über Ereignisse an dem Grenzübergang dürfte es sicher nicht mangeln.

Das neue Museum im Grenzturm Hennigsdorf, Ortsteil Nieder Neuendorf, ist im November dienstags und donnerstags von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Dann folgt die Winterpause bis Mitte April 2000. Im Europarc Dreilinden wird heute um 13 Uhr eine Ausstellung über die ehemalige Grenzübergangsstelle eröffnet. Übersichtsseite zum 10. Jahrestag des Mauerfalls

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben