Muslime demonstrieren gegen Gewalt : Die Basis des liberalen Islam

Warum es gut ist, wenn deutsche Muslime gegen islamistische Gewalt demonstrieren - und warum es falsch ist, es von ihnen zu fordern. Ein Kommentar

Gemeinsam gegen den Terror - aber nicht gerade eine Initiative "von unten". Bundespräsident Joachim Gauck spricht bei einer Mahnwache für die Opfer der Anschläge in Frankreich vor dem Brandenburger Tor in Berlin im Januar 2015. Der Zentralrat der Muslime und die Türkische Gemeinde haben zu der Kundgebung gegen islamistischen Terror und für ein friedliches Zusammenleben der Religionen unter dem Motto "Zusammenstehen - Gesicht zeigen" aufgerufen.
Gemeinsam gegen den Terror - aber nicht gerade eine Initiative "von unten". Bundespräsident Joachim Gauck spricht bei einer...Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Für diesen Samstag ist in Köln eine Großdemonstration von Muslimen gegen Gewalt und Terrorismus im Namen des Islam angekündigt. Bis zu 10 000 Teilnehmer erwarten die Veranstalter: die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, Gründerin und Vorsitzende des liberal-islamischen Bundes und der Aktivist Tarek Mohamad, der im vergangenen Jahr zu einer Internet-Berühmtheit wurde, als er nach dem Anschlag von Würzburg auf Facebook eine Generalabrechnung mit den Muslimen in Deutschland veröffentlichte und sie aufforderte, sich von Gewalt und Terror abzugrenzen. „Wir haben lange genug unseren Mund gehalten und einfach nur geschwiegen“, schrieb Tarek Mohamad damals.

Wenn am Samstag nun tatsächlich so viele Teilnehmer kommen, wie die Veranstalter hoffen, könnte das ein bedeutender Moment für das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland werden.

Kommt der Aufruf zu einem Bekenntnis der Muslime gegen Gewalt von Außen, wird er zur Verdächtigung

Die Forderung, die deutschen Muslime mögen doch ein Zeichen setzen gegen den islamistischen Terrorismus, ist schon häufig formuliert worden, zuletzt von Marek Lieberberg, Veranstalter von „Rock am Ring“, das vor einer Woche wegen Terrorgefahr unterbrochen werden musste. Er wolle jetzt „endlich mal Demos sehen, die sich gegen diese Gewalttäter richten“, sagte Lieberberg wütend und erhielt dafür Applaus.

Doch sobald der Aufruf zur Abgrenzung von Außen kommt, sobald er von Vertretern der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft formuliert wird, verwandelt er sich in eine Verdächtigung – gewollt oder ungewollt. Die Aufforderung zur Abgrenzung entspringt der Sehnsucht einer verunsicherten Gesellschaft nach Beruhigung. Sie zeugt von einem kaum verhohlenen Misstrauen, von dem Glauben, dass viele Muslime in Deutschland insgeheim mit dem Terrorismus sympathisieren. Sie nimmt die deutschen Muslime in Kollektivhaftung für das Tun von Terroristen, die den Koran als Baukasten für ihre Ideologie missbrauchen.

Zeigen, dass es neben bekannten Einzelpersonen wie Lamya Kaddor eine breite liberale Basis gibt

Gerade deshalb wäre eine Demonstration, die aus der Community selbst organisiert wird, ein so bedeutendes Zeichen. Es ist ja wahr, dass alle wichtigen muslimischen Verbände in Deutschland nach Terroranschlägen stets die Gewalt verurteilen, wie der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, nicht müde wird zu betonen. 2015, nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo, gab es eine Mahnwache am Brandenburger Tor. Doch die Veranstaltung, an der auch Angela Merkel und Joachim Gauck sowie Vertreter der christlichen Kirchen teilnahmen, haftete der Makel des Offiziellen an, ein Verbandsonkeltreffen mit rasch herbeiorganisierten Trauernden, während die Nicht-Muslime getrost bei ihrem Misstrauen gegen ihre muslimischen Nachbarn bleiben konnten. Das könnte sich nun ändern.

Denn wonach sich viele Nicht-Muslime in Deutschland ja tatsächlich sehnen, ist nicht nur ein verbandspolitisches Bekenntnis gegen Gewalt im Namen des Islam. Sondern danach, zu sehen, dass der liberale und selbstkritische Islam neben bekannten Einzelpersonen wie Seyran Ates, Lamya Kaddor oder Mouhanad Khorchide in diesem Land eine breite Basis hat, Menschen, die sich jenseits der Bekenntnispolitik für den modernen Islam einsetzen und ihn verteidigen – oder ihn schlicht leben. Am Samstag könnte es so weit sein.

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