Muslime in Deutschland : Wir sind müde vom Rechtfertigen

Die Pariser Anschläge haben die Muslime in eine emotionale Ohnmacht versetzt. Viele wissen nicht, wie sie sich offen distanzieren sollen. Das muss aufhören. Ein Kommentar.

Büsra Delikaya
Zum Gedenken leuchtet der Eiffelturm am Montagabend in Bleu-blanc-rouge, davor patrouillieren Soldaten zur Terrorabwehr.
Zum Gedenken leuchtet der Eiffelturm am Montagabend in Bleu-blanc-rouge, davor patrouillieren Soldaten zur Terrorabwehr.Foto: AFP

Wahrscheinlich verfolgten am Abend des 13. November auch viele Muslime das Fußballspiel Deutschland gegen Frankreich zu Hause auf der Couch. Wahrscheinlich hatten sie zuvor ihr tägliches Nachtgebet verrichtet. Sie haben es mit denselben Worten begonnen wie die Terroristen ihren brutalen Massenmord: „Allahu akbar“. Während die einen Gottes Größe rühmten, brüllten die anderen dieselben Worte in die Menschenmasse, um durch ihre vermeintliche Größe Angst und Schrecken zu verbreiten. Die einen hielten Gebetsketten in den Händen, die anderen Kalaschnikows.

Es ist viel Pietätlosigkeit dabei

Europas Muslime befinden sich in einer schwierigen Situation. Wie sollen sie damit umgehen, dass Terroristen die eigene Religion zu übernehmen scheinen und durch sie erbarmungslose Mordserien übertünchen? Distanziert man sich oder nicht? Wenn ja, wie stellt man das an, ohne einen ohnehin befürchteten Generalverdacht zu bekräftigen? Denn die meisten, wenn nicht alle Muslime scheinen erschöpft zu sein. Müde vom Rechtfertigungszwang, ausgelaugt von Distanzierungsphrasen – wohlwissend, dass sie ohne das Aussprechen dieser ja doch keine Ruhe finden werden. Denn während sie klarstellen, wie zuwider ihnen der lästige Widerhall von Beteuerungen ist, distanzieren sie sich erneut. Tun sie es nicht, kann es leicht passieren, dass nebst islamophoben Angriffen auch Schuldgefühle Überhand nehmen.
Viele Muslime fühlen sich auch in einem Dilemma gefangen: Eine offenkundige Solidarität mit den Opfern von Paris könnte von anderen Muslimen so verstanden werden, als würde man das Desinteresse der internationalen Gemeinschaft am Leiden von Muslimen in Beirut oder Syrien nicht kritisieren. Dieses Entweder-Oder hat mit religiösen Gemeinsamkeiten zu tun und einem ausgeprägten Solidaritätsgefühl.


Besonders in sozialen Medien wie Facebook oder Twitter offenbart sich die konfuse Haltung einiger Muslime. Dort findet man alles von Verschwörungstheorien bis hin zu Relativierungen der Opferzahlen durch Vergleiche mit anderen Attentaten im Libanon oder Syrien. Es ist viel Pietätlosigkeit dabei.
Den französischen Trikolore-Profilbildern in Facebook setzten beispielsweise zahlreiche muslimische User demonstrativ die eigene Landesfahne entgegen. Sie hüllten ihre Bilder in türkische, libanesische oder palästinensische Nationalfarben. Mit dieser Geste wollten sie auf die vielen vergessenen Opfer in besagten Ländern aufmerksam machen.

„Ihr leidet? Nun, wir auch!“

Doch vergaßen sie dabei, dass auch die vielen Toten und Verletzten in Paris vollkommen unschuldige Menschen sind beziehungsweise waren. Auch merken sie offenbar nicht, dass sie mit diesen Attitüden nur noch mehr Polarisierung und gesellschaftliche Spaltung heraufbeschwören. Statt nach Zusammenhalt zu streben, wird nach selektiven „Wahrheiten“ gesucht – nach allem, was trennt, um diese Differenz dann plakativ vor Augen zu führen.
Es klingt fast wie ein trotziges „Ihr leidet? Nun, wir auch!“ – ein gefährliches geistiges „Wettrüsten“ für mehr Opferandacht, bei dem der eigentliche Sinn der Trauer abhanden kommt. Das Leid in Beirut wird dann nicht selten für eine strikte Antipathie gegenüber europäischer Politik instrumentalisiert. Leichtsinnig geht man mit Opferzahlen um, zynisch mit dem Tod.
Doch auf diese Weise wird die Hierarchie vom Tod, die Priorisierung von Leid nach Region, die viele Muslime beklagen, noch verstärkt. Als wären nicht alle Zivilisten, egal welcher Ethnie, Nation oder Religion sie angehören, dem Terror gleichermaßen ausgesetzt. Was bei allem zu kurz kommt, sind offenherzige Emotionen und humanistische Werte, fernab von Nation und Religion.


Wir müssen uns darüber klar werden, dass die Terroristen des „Islamischen Staates“ schon lange keine Meute vereinzelter Extremisten mehr darstellen. Über einen längeren Zeitraum kreierten sie ein auf roher Gewalt und politischem Kalkül basierendes Terrornetzwerk, dessen Ausläufer bis in die europäischen Metropolen reicht. Wir können ihm nur Einhalt gebieten, wenn wir zusammenhalten und unser Mitgefühl nicht nach Nationalitäten und Religionszugehörigkeiten differenzieren.

Die Autorin studiert Germanistik und Geschichte und ist freie Journalistin.

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