Politik : Mut fast gratis

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Früher, ja, da hat ein Politiker noch was riskiert! In den ganz alten Tagen ging die allgemeine Erwartungshaltung dahin, dass, wer herrschen wollte, dafür gefälligst Kopf und Kragen aufs Spiel zu setzen hatte. Der König ritt seinem Heer voran in die Schlacht, die denn auch prompt als beendet betrachtet wurde, wenn es ihn erwischte. Mit den Fortschritten der Waffentechnik hat dieses Modell den Verschleiß an Königen unzumutbar erhöht, was zur Erfindung des so genannten Feldherrenhügels führte, später zur Arbeitsteilung: Kaiser und Könige führten das große Wort, ihre Feldmarschälle die Schlacht, zuerst noch höchstselbst auf dem Schlachtfeld, später ausschließlich aus der Etappe. Ein Rückzug auf Raten, dessen logisches Ende die Redeschlacht ist, die sich unsere Politiker heutzutage allenfalls noch liefern.

Nun liegt es uns völlig fern, diesen zivilisatorischen Fortschritt zu bedauern, weil auch wir davon profitieren. Die Vorstellung, dass wir alltäglich über den Stand des Säbelfechtens auf dem zum Paukboden umgebauten Reichstag berichten sollten, immer in Gefahr, versehentlich auch einen Hieb abzubekommen – brrr! Aber ein bisschen risikofreudiger, also ein kleines bisschen risikofreudiger wünschen wir uns unsere Politiker schon! Der SPD-Generalsekretär Olaf Scholz hat auf den Sieg seines Parteifreunds in Hessen gewettet … wie heißt der doch gleich … richtig: Bökel. Und was setzt Scholz darauf? „Einen guten hessischen Wein.“ Der beste hessische Wein, den unsere Recherche als handelsüblich zu Tage fördert, ist ein 2001er Eiswein aus dem Rheingau, die Flasche zu 424 Euro. Und der Scholz hat nur einen „guten“ verwettet, keinen „besten“. Wo bleibt der Mut, General?

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