Muttertag und Töchterfragen : Wie bringt man Mädchen zu hochfliegenden Plänen?

Jungs werden Chefs – das ist klar. Aber was ist mit den Mädchen? Wie bringt man die zu hochfliegenden Plänen? Ein Erfahrungsbericht.

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Rosa Wände, pinkfarbene Träume? Kein Problem! Das sind Phasen, die gehen vorbei.
Rosa Wände, pinkfarbene Träume? Kein Problem! Das sind Phasen, die gehen vorbei.Foto: www.wandtattoo.de

Ein kleines Mädchen schiebt einen hölzernen Puppenwagen. Darin sitzt ein Junge, der größer und schwerer ist als sie. Aber das stört das Mädchen nicht. Es lacht laut und schiebt den ächzenden Wagen und den Jungen darin kreuz und quer durchs Wohnzimmer. Ganz so, als sei das gar nichts.

Das Mädchen war unsere Tochter mit anderthalb, der Junge ihr Bruder. Spätestens da war klar: Sie hat eine unbändige Kraft, und sie weiß genau, was sie will. Wenn diesem Mädchen einmal der Mumm abhandenkommt, dann ist etwas gründlich schiefgelaufen.

Das Wort führen die Jungs, auch hier bei der Tagesspiegel-Jugendseite

Ich stellte mir die Zukunft meiner Tochter vor, betrachtete die Jugendlichen, die hier beim Tagesspiegel die Jugendseite machten, und kam ins Grübeln. Einige Jahre lang moderierte ich die Jugendkonferenz, die einmal im Monat zusammenkam, um die Unter-18-Seite zu besprechen, die ehemalige Jugendmeinungsseite. 20 bis 30 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren diskutierten über selbst gewählte Themen. Alle waren sie intelligent und gut ausgebildet – aber das Wort führten fast immer die Jungs. Die waren die Entspannten, die Einfallsreichen, die Querdenker und Glossenschreiber. Unter den Mädchen gab es viele engagierte, kluge, zuverlässige, aber in Diskussionen kamen wenige von ihnen wirklich ins Spiel. Es konnte zwar vorkommen, dass eine dann einen Text schrieb, der Kraft und Witz spüren ließ – aber viel zu selten. Und das lag nicht daran, dass die Jungs sich in den Vordergrund gedrängt hätten.

Als vor anderthalb Jahren unser Jugendblog gegründet wurde, war es ein 18-jähriger Junge, der die Verantwortung übernahm. Er sucht bis heute immer wieder Jugendliche, die sich vorstellen können, sich verantwortlich um ein Themengebiet zu kümmern – Mädchen findet er so gut wie keine. Denn die sind vollkommen damit ausgelastet, alles richtig zu machen.

Mädchen sind gut in der Schule, besser als Jungs - und dann?

Wir erziehen unsere Mädchen dazu, im System zu funktionieren. So bringen sie in der Schule gute Ergebnisse, mittlerweile bessere als die Jungen – aber sie werden dadurch nicht frei, anzuecken, neue Wege zu gehen, ihre eigene Sicht der Dinge zu entwickeln, etwas auszuprobieren und möglicherweise zu scheitern.

Das hat natürlich viele Gründe. Aber um es gleich zu sagen: Rosa ist nicht das Problem. Lasst die kleinen Mädchen ihre pinke Phase ausleben, bis die Netzhaut knistert, dann müssen sie es als gestandene Frauen nicht heimlich tun. Solange ein Mädchen ordentlich Dreck vom Spielplatz unter den rosa lackierten Fingernägeln hat und Pippi Langstrumpf so gut kennt wie Prinzessin Lillifee, gibt es keinen Anlass zur Sorge.

Der Sohn ist überall angeeckt, die Tochter war immer brav

Woran es unter anderem liegen könnte, dass Mädchen gute Noten haben und Jungs später Chefs werden, wurde sehr schnell deutlich, als die Kinder in die Schule kamen. Unser Sohn wurde zuerst eingeschult. Ist er angeeckt? Ja, was denn sonst! Drei Schuljahre lang konnte er nicht glauben, dass die im Ernst von ihm verlangen, still zu sitzen und den Mund zu halten. Vielen anderen Jungen ging es ähnlich. Der Schulranzen? Eine Ausgrabungsstätte mit archäologischen Schichten von Brotkanten, Spielzeugteilen, vergessenen Mitteilungszetteln, Heften vom vergangenen Schuljahr. „Ihre Tochter wird damit keine Probleme haben“, kündigte seine Lehrerin an. Und genau so kam es auch.

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