Politik : Mysteriöse Entführung: Das Ende einer Geiselnahme in Tschetschenien

Elke Windisch

Wie eine Geisel sah der Anfang Januar in Tschetschenien gekidnappte Kenneth Gluck nicht aus. Allem Schlamm zum Trotz präsentierten russische Geheimdienste den Amerikaner, der seit Jahren für die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" in den Krisenregionen der ehemaligen UdSSR unterwegs ist, mit blank gewichsten Schuhen. Gluck, so Alexander Sdanowitsch, der Tschetschenien-Bevollmächtigte des Inlandgeheimdienstes (FSB), der bei dem Showdown persönlich zugegen war, sei bei einer FSB-Sonderoperation befreit worden.

Die aber hat womöglich gar nicht stattgefunden. Die Zeitung "Kommersant" zitiert anonym einen Untergebenen von Sdanowitsch, der behauptet, die "Entführer" hätten Gluck am Sonntag früh in der Siedlung Staryje Atagi einfach laufen lassen. Ein Arzt habe ihn erkannt und das russische Oberkommando in Grosny informiert. Für diese Version spricht unter anderem, dass Gluck, der sofort zu seinen Kollegen nach Inguschetien wollte, erst gestern Nachmittag ausgeflogen wurde. Militärs und Geheimdienstler hatten ihn zuvor einem ausführlichen Verhör unterzogen. Dabei, so verplapperte sich eine höhere Charge vor laufender Kamera, sei es auch um die Umstände der Befreiung Glucks gegangen. Wozu, wenn dabei die eigenen Leute am Werk waren?

Klarheit könnte nur Gluck selbst schaffen. Doch der hielt sich bisher bedeckt. Er sei gut behandelt worden, zu Geiselnahme und Befreiung wolle er aber nichts sagen. Die Mehrheit der hiesigen Beobachter ist sich daher einig, dass, wie schon im vergangenen Jahr bei der Entführung des Journalisten Andrej Babitzkij die Verantwortlichen bei den Schlapphüten selbst gesucht werden müssten, die zur Ausführung ihrer Pläne moskautreue Tschetschenen gedungen hätten. Dafür gibt es drei gute Gründe.

Gekidnappt wurde Gluck nur wenige Tage vor der Sitzung des Europarates, der Moskau wegen Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien im vorigen April das Stimmrecht entzogen hatte. Übergriffe gegen Mitarbeiter westlicher Hilfsorganisationen, so das Kalkül des Kremls, würden Europas Parlamentarier veranlassen, Moskaus "Anti-Terror-Operation" im Kaukasus nachsichtiger zu beurteilen. Dazu kommt, dass Putin Mitte Januar die Leitung des Tschetschenienfeldzugs den Geheimdiensten übertragen hat. Die aber stehen, weil der Kreml am 15. Mai Meldung über die definitive Befriedung der Rebellenregion erwartet, unter Erfolgszwang.

Vor allem aber setzt Moskau auf Einschüchterung internationaler Hilfsorganisationen, in der Hoffnung, sie würden sich aus dem Krisengebiet zurückziehen. Dann nämlich wären auch die rund 200 000 Kriegsflüchtlinge, die bereits den zweiten Winter in Zeltlagern in der Nachbarrepublik Inguschetien verbringen müssen, gezwungen, nach Tschetschenien zurückzukehren. Auf westlichen Hilfsorganisationen wie "Ärzte ohne Grenzen" lastet gegenwärtig der Löwenanteil der Versorgung mit Lebensmitteln und elementarster medizinischer Betreuung. Und Moskaus Schulden bei der Flüchtlingsbetreuung haben inzwischen dreistellige Millionenhöhe erreicht.

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