Politik : Mythos Gerechtigkeit

DEBATTE ÜBER DIE RENTE

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Von Tissy Bruns

Das Alter ist die Zukunft. Eine unangenehme Wahrheit, die niemand gerne hört. Aber vielleicht die einzige, die in der deutschen Reformdebatte ein verbindlicher Bezugspunkt ist. Alt werden wir, wenn es gut läuft, alle einmal, und die heute Jüngeren werden noch viel älter als die gegenwärtige Rentnergeneration. Dass die Jungen nicht vor der Zeit ganz alt aussehen, ist der wichtigste Sinn und Zweck der Reformen.

Der Rentenbeschluss der Bundesregierung enthält neben der ausgesprochenen eine untergründige Botschaft, die wichtigste, seit Gerhard Schröder seine Reformagenda verkündet hat. Sie lautet: Gemacht wird, was zumutbar ist. Allein an diesem Maßstab, an keinem anderen mehr, kann die altbundesrepublikanische Frage nach der Gerechtigkeit noch beantwortet werden. Diese Botschaft richtet sich an alle. Sie ist eine Annäherung an die Wahrheit über uns selbst und deshalb produktiv.

Denn als eines der größten Reformhindernisse erweist sich zusehends eine gewaltige mentale Kluft. Der abstrakten und weithin akzeptierten Einsicht, dass „schmerzhafte Reformen sein müssen“, stehen unzählige konkrete angekündigte Reformen gegenüber, die abgelehnt, kritisiert, zerredet werden, bevor sie die geringste Wirkung entfalten können. Die Leitfrage „Ist das gerecht?“ erweist sich dabei zusehends als Sackgasse, denn sie kann immer mit einer einfachen Gegenfrage ausgehebelt werden. Ist es gerecht, wenn eine Kleinrentnerin künftig für den ganzen Pflegebeitrag aufkommen muss? Natürlich nicht. Denn sie hat, anders als die folgenden Generationen, drei Kinder aufgezogen und deshalb auf eine alterssichernde Erwerbsarbeit weitgehend verzichtet. Gegenfrage: Ist es gerecht, wenn die Renten tabu bleiben, während die Sozialbeiträge für die aktive Generation steigen und eine Rente weit unter dem Niveau der Kleinrentnerin erbringen werden? Natürlich nicht.

Mit der dynamischen Rente sind in den 50er Jahren die Alten am Wirtschaftswunder beteiligt worden, die aus eigener Kraft dazu nicht imstande gewesen wären. Das gesicherte Alter ist die größte ökonomische und soziale Leistung der alten Bundesrepublik und deshalb auch eine ihrer großen Mythen. Norbert Blüms legendäre Plakat-Aktion („Die Rente ist sicher“) zeugt davon, oder die „Kriegerwitwe“, die 1998 durch Oskar Lafontaines Renten-Wahlkampf gegen die Union geisterte. Noch vor fünf Jahren wurde eine Bundestagswahl über Renten-Illusionen entschieden. Dass damals Blüms kleine Reform, der demografische Faktor, gestrichen wurde, hat heute die unausweichliche Konsequenz, dass den Rentnern die Rechnung vorgelegt wird.

Denn der Rentner-Mythos ist von Politikern und im gesellschaftlichen Bewusstsein noch gehegt und gepflegt worden, als er mit der Wirklichkeit nicht mehr in Einklang zu bringen war. Nicht ohne Folgen. In allen jüngeren Generationen sind darüber eigene Mythen entstanden. Die mittleren, beruflich etablierten Altersgruppen pflegen ihren heimlichen Groll. Aus ihren hohen Beiträgen werden die gut situierten Rentner finanziert, während die Auskunft der Rentenkasse über ihre eigene Rente höchst fragwürdig ist und die schönen privaten Lebensversicherungen mächtig nach unten knicken. Die Generation unter 40 Jahren fühlt sich komplett betrogen. Sie erwartet für sich selbst nichts mehr aus der gesetzlichen Rente; sie hält sich mit der privaten Vorsorge aber ebenso zurück wie mit dem Kinderkriegen. Und so haben alle ihre jeweils eigene Ausrede, warum es alles nichts werden kann.

Mythen wachsen in Deutschland schneller als die politische Vernunft. Der gefühlte Schmerz über die angekündigten Reformen steht in keinem Verhältnis zum wirklichen Vollzug. Und wenn schon Reform, dann verlangt ganz Deutschland stets den Stein der Weisen, die Lösung für die nächsten dreißig Jahre, eine neue höhere Gerechtigkeit. Was nur beweist: Wir sind doch noch nicht am Ende der Illusionen. Die Notoperation Rente wird dem Realitätssinn eine exemplarische Bresche schlagen. Es wird sich nämlich zeigen, dass sie nicht schön, nicht lupenrein, nicht ganz gerecht ist. Aber es wird sich herausstellen, dass sie erträglich ist. Für eine Generation, die wie keine andere vor oder nach ihr die Früchte der Wohlstandsentwicklung im Alter ernten konnte.

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