Politik : Nach 13 Jahren beginnt der Prozess

Der Chefankläger des Jugoslawien-Tribunals will Karadzic des Völkermordes überführen

D. Kolendic/T. Spieker (dpa)

Belgrad/Den Haag - Um vier Uhr morgens holten vermummte Sicherheitskräfte Radovan Karadzic am Mittwoch aus seiner Belgrader Zelle. Die Männer mit den schwarzen Gesichtsmasken führten den wegen Kriegsverbrechen angeklagten früheren bosnischen Serbenführer aus dem Gerichtshof zu einem Geländewagen mit verdunkelten Fenstern. Im Morgengrauen rasten sie zum etwa 20 Kilometer entfernten Flughafen, wo der Konvoi direkt auf die Rollbahn zu der Regierungsmaschine fuhr, die kurz nach halb fünf Richtung Rotterdam abhob.

Nur wenige Stunden zuvor hatten Karadzic-Anhänger gewaltsam gegen die Auslieferung protestiert. „Hooligans zerschlagen erneut Belgrad“, so oder ähnlich titelten am Morgen die Zeitungen. Allerdings waren mit etwa 15 000 Menschen weit weniger Teilnehmer zu der Kundgebungen gekommen, als die Organisatoren angekündigt hatten.

Tomislav Nikolic, Vizechef der Radikalen Partei, die die Demonstration organisiert hatte, beschuldigte den demokratischen und proeuropäischen Präsidenten Boris Tadic, die Ausschreitungen organisiert zu haben – die Demokraten bezeichneten das als „Unsinn“. Nur die Radikale Partei sei für die Krawalle verantwortlich, sagte Dusan Petrovic, Vizevorsitzender der Demokratischen Partei. Die Radikalen hätten in den vergangenen Tagen mit ihrer Hetzkampagne und Drohungen gegen das Leben von Tadic eine Stimmung erzeugt, die „zwangsläufig“ zu Unruhen führen musste.

Während sich in Belgrad Demokraten und Nationalisten beharkten, ging im Kriegsverbrechergefängnis in Scheveningen ein langes Versteckspiel zu Ende: Fast auf den Tag 13 Jahre nach Erhebung der Anklage gegen Karadzic fielen die Riegel hinter dem früheren Serbenführer ins Schloss. Für Chefankläger Serge Brammertz, der erstmals seit seinem Amtsantritt vor die Presse trat, ein großer Erfolg – und eine große Aufgabe. „Es wird ein schwieriges Verfahren“, sagte Brammertz. Er deutete an, dass Fehler, die die Anklage unter seiner Vorgängerin Carla Del Ponte im Prozess gegen den früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic machte, nicht wiederholt werden sollen. Milosevic starb im März 2006, damals lief sein Prozess seit vier Jahren, ein Urteil war dennoch nicht abzusehen.

Während Del Ponte ihre Anklagen oft mit unzähligen Tatvorwürfen spickte und eine riesige Beweisaufnahme nötig machte, will sich Brammertz auf das Wesentliche konzentrieren. „Wir werden das Verfahren so effizient wie möglich betreiben“, sagte der Belgier. Auf jeden Fall aber will er Karadzic, politisch neben Milosevic der Hauptverantwortliche für den Bosnienkrieg, des Völkermords überführen.

Das hat die Anklage in etlichen Fällen vergeblich versucht. Zwar hat das Jugoslawien-Tribunal klar festgestellt, dass die Ermordung Tausender bosnischer Muslime durch bosnische Serben Völkermord war. Doch noch niemand wurde persönlich dafür zur Rechenschaft gezogen. Dicht daran war nur das Urteil gegen Ex-General Radislav Krstic, das aber nur auf Beihilfe zum Genozid lautete. Krstic wurde zu 35 Jahren Haft verurteilt. Bis das Gericht aber über Karadzic urteilt, werden wohl noch Jahre vergehen.

An diesem Donnerstag wird der 63-Jährige einen seiner Richter kennenlernen. Der Niederländer Alphons Orie ist Vorsitzender der zuständigen Strafkammer und wird den ersten Auftritt Karadzics vor dem Tribunal leiten. Erwartet wird ein erster Einblick in Karadzics Strategie. Zum Beispiel, ob er einen Verteidiger nimmt oder sich selbst verteidigt wie Milosevic. Dieser nutzte seinen ersten Auftritt vor dem Tribunal zu politischen Tiraden und griff die Richter als Werkzeug zur Rechtfertigung der Nato-Aggression gegen sein Jugoslawien an. Später mäßigte Milosevic seinen Ton. Doch kooperativ wurde er nie. Für viele Angeklagte und ihre zahlreichen Unterstützer auf dem Balkan bleibt das Tribunal ein antiserbisches Instrument. D. Kolendic/T. Spieker (dpa)

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