Politik : Nach allen Märchen Von Markus Hesselmann

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Sönke Wortmanns Sommermärchen erzählt von den schönen Seiten des Fußballs während der WM in Deutschland. Doch diese Weltmeisterschaft war gar kein Märchen, sie war auf wunderbare Weise real. Real ist aber auch immer noch die andere, die hässliche Seite des Fußballs, die uns – im Kontrast zur rauschenden Premierenfeier am Potsdamer Platz – gerade in der zurückliegenden Woche erneut beschäftigt hat. Die Szenen, um die es hier geht, sind wenig märchenhaft: Da wird der Nigerianer Adebowale Ogungbure, der für Sachsen Leipzig in der Oberliga spielt, zum wiederholten Mal von gegnerischen Fans rassistisch beleidigt. Und da grölen Rechtsradikale ihre Parolen bei einem Spiel des jüdischen Klubs TuS Makkabi in der Berliner Kreisliga.

Rassismus und Antisemitismus auf dem Fußballplatz – alles wie gehabt, auch nach dem fröhlich-patriotischen WM- Fest. Und doch ist etwas neu. Zum ersten Mal gibt es so etwas wie ein öffentliches Bewusstsein für das Problem. Als unlängst im DFB-Pokal der deutsche Nationalspieler Gerald Asamoah von Rostocker Fans wegen seiner schwarzen Hautfarbe beleidigt wurde, gab es einen bis dahin so nicht gehörten Aufschrei im Land. Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, hat den Kampf gegen Rassismus als erster DFB- Chef zu seinem persönlichen Anliegen erklärt. Das Testspiel gegen Georgien, das zufälliger-, aber durchaus passenderweise heute in Rostock stattfindet, will der DFB nun für eine weitere Stellungnahme gegen den Rassismus nutzen. Das Spiel in Bratislava am kommenden Mittwoch bietet gleich die Chance zum nächsten Test: Gerade bei Spielen in Osteuropa hatte es zuletzt immer wieder Ausschreitungen deutscher Hooligans und Rechtsradikaler gegeben. Diesmal ist der DFB mit seinen Erkenntnissen offensiv umgegangen und hat schon im Vorfeld vor ähnlichen Vorfällen in Bratislava gewarnt. Nach Jahrzehnten ist die Botschaft angekommen, dass es nicht hilft, die Probleme einfach auszusitzen.

Diese Chance muss jetzt genutzt werden. Das heißt auf der einen Seite mehr Abschreckung durch Polizisten und Ordnungskräfte, die sofort eingreifen und gezielt Stadionverbote verhängen. Das heißt aber auch, dass alle Beteiligten mehr Verantwortung übernehmen: Sportgerichte, die die neuen, strengen Anti- Rassismus-Regeln des Weltverbandes Fifa bis hinunter in die Kreisliga durchsetzen. Schiedsrichter, die – anders als noch bei jenem Spiel des TuS Makkabi in Berlin – konsequent mit Strafen drohen und zur Not auch Spiele abbrechen, wenn die Pöbler partout keine Ruhe geben. Fußballer, vom Profi bis zum Freizeitkicker, die auf Fans und Mitspieler einwirken. Fußballreporter, die Affengegrunze und „Asylanten“-Rufe nicht für einen Bestandteil der Fanfolklore halten und kritisch darüber berichten. Und natürlich die Zuschauer selbst, die aufstehen gegen die Klotzköpfe in ihren Reihen.

The beautiful game, das schöne Spiel, dessen zivilisationsfördernde Wirkung der große Soziologe Norbert Elias beschrieben hat, darf nicht unter die Räuber fallen. Erst in zweiter Linie geht es dabei um das Ansehen Deutschlands im Ausland, von dem in diesen Tagen nach der Weltmeisterschaft wieder so häufig die Rede ist. Zuallererst geht es ganz schlicht darum, dass ein schwarzer Fußballer oder ein jüdischer Fußballklub im Jahr 2006 in Deutschland endlich unbehelligt Fußball spielen können. So einfach ist das – und doch immer noch so schwierig.

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