Politik : Nach amerikanischem Rezept

Claudia Keller / Malte Lehming

Fünf Prozent der Ärzte sind schlichtweg verrückt, heißt es. Schon rein statistisch gesehen sei es deshalb gut möglich, sagt der Berliner Mikrobiologe Helmut Hahn, dass hinter den Milzbrand-Briefen in den USA ein hochrangiger US-Forscher stecke. Tatsächlich verdichten sich die Indizien, dass die Anthrax-Sporen, die seit Anfang Oktober fünf Menschen in den Vereinigten Staaten das Leben gekostet haben, aus einem US-Labor stammen.

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Stichwort: Milzbrand
Hintergrund: Seuchenexperten
Web-Link: Robert-Koch-Institut Jeder Bakterienstamm, so Hahn, entwickelt ganz bestimmte Eigenarten, über den man ihn identifizieren kann. Die Anthraxsporen der in Amerika verschickten Milzbrandbriefe stammen alle von ein und demselben Milzbrandstamm, dem "Ames-Stamm", sagt der Hamburger Biowaffenexperte Jan van Aken. Dass die Sporen von dem Ames-Strang stammen, bestätigt auch Craig Venters "Institute for Genomic Research" in Maryland.

Nach Auskunft von van Aken und der amerikanischen Biologin Barbara Rosenberg, einer Beraterin von Ex-Präsiden Clinton, wurden die Bakterien dieses Stammes in einem Labor in den USA gezüchtet und von dort nur an etwa 25 Labors innerhalb der USA und an ein Labor in Großbritannien abgegeben. Auf das englische Institut falle kein Verdacht, so van Aken, da jedes Land eine eigene Rezeptur habe, nach der bestimmte chemische Stoffe den Sporen beigemischt werden, um ihre Verklumpung zu verhindern. Diese sozusagen national-spezifische Rezeptur unterliegt strengster Geheimhaltung. Mit einer Analyse habe man nun festgestellt, dass die chemische Mischung der in USA verschickten Milzbrandbriefe nach einer nur in US-Labors bekannten Rezeptur unter Verwendung des Bindemittels Silicia hergestellt wurde, sagt van Aken. Mit Sicherheit könne man deshalb auch ausschließen, dass Anthrax-Sporen der tödlichen Briefe aus dem Nahen Osten stammen. Der Irak zum Beispiel verwende das Trocknungsmittel Bentonit.

Nach Auskunft der Umweltschutzorganisation Greenpeace habe zudem eine Mikrobiologin, die der US-Delegation angehört, auf der Genfer UN-Biowaffenkonferenz Aussagen gemacht, die darauf hindeuten, dass auch die US-Regierung bereits davon ausgehe, dass ein hochrangiger US-Mikrobiologe hinter den Briefen der letzten Wochen stecke. Solche Spekulationen werden zudem durch das mysteriöse Verschwinden eines Harvard-Professors genährt. Der Biochemiker Don Diley gilt als ein führender Experte für tödliche Bakterien. Er verschwand vor zwei Wochen nahe Memphis/Tennessee, wo er zur Beiratssitung eines Krankenhauses erwartet worden war. Sein Mietwagen wurde auf einer Brücke über den Mississippi entdeckt - die Schlüssel steckten noch.

Die amerikanische Bundespolizei FBI hat jedoch noch keinen Verdächtigen festgenommen. Und amerikanischen Medienberichten zufolge schließt man nach wie vor auch ausländische Attentäter nicht aus. Laut FBI werde momentan eine Liste der in Frage kommenden US-Labors und ihrer aktuellen und ehemaligen Mitarbeiter erstellt.

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