Nach Angriff auf Gaza-Aktivisten : Vermittelt die Türkei in Nahost?

Trotz der aktuellen Krise will Erdogan angeblich die Freilassung einer israelischen Hamas-Geisel erreichen. Erdogan legt seit Jahren viel mehr Verständnis für Hamas an den Tag, als es Israel oder dem Westen recht wäre.

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Seit dem israelischen Angriff auf türkische Gaza-Aktivisten macht der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan vor allem mit heftiger Kritik an Israel von sich reden. Nun will Erdogan nach Angaben eines jüdischen Rabbiners seine Kontakte zu Hamas nutzen, um die Freilassung eines seit vier Jahren festgehaltenen israelischen Soldaten zu erreichen – das wäre eine Sensation.

Eine Bestätigung dafür liegt nicht vor. Vorerst bemüht sich die Türkei weiter um internationalen Druck auf Israel. An diesem Dienstag treffen sich die Staats- und Regierungschefs aus einigen Nahost-Staaten zu einem Gipfeltreffen in Istanbul, darunter die Präsidenten von Syrien und des Iran.

Erdogan legt seit Jahren viel mehr Verständnis für Hamas an den Tag, als es Israel oder dem Westen recht wäre. Vor vier Jahren empfing die türkische Regierung eine Delegation der radikalen Palästinenserorganisation, und der Premier weigert sich, Hamas als Terrororganisation einzustufen. Erdogan wirft dem Westen vielmehr vor, den demokratischen Wählerwillen der Palästinenser zu missachten, weil er Kontakte mit der Hamas-Regierung in Gaza wegen deren Israel-feindlichen Haltung ablehnt.

Nun wollen die Türken ihre Verbindungen zu Hamas angeblich zum Wohle Israels nutzen, um so eine Aufhebung der israelischen Blockade gegen den Gazastreifen zu erreichen. Rabbi Menachim Froman aus dem Westjordanland, ein Friedensaktivist, berichtete nach einem Gespräch mit Erdogan am Wochenende, der türkische Premier wolle sich in den Fall des israelischen Soldaten Gilad Schalit einschalten. Der junge Mann wird seit vier Jahren von Hamas in Gaza gefangen gehalten. Die Türkei sei der „natürliche Vermittler“ zwischen Israel und den Palästinensern, sagte Froman im israelischen Armeerundfunk.

Die islamisch-türkische Hilfsorganisation IHH, deren Schiffe in der vergangenen Woche von den Israelis angegriffen wurden und die über eigene enge Kontakte zu Hamas verfügt, steht Vermittlungsbemühungen für Schalit aufgeschlossen gegenüber. „Niemand sollte als Geisel gehalten werden“, sagte IHH-Vorstandsmitglied Hüseyin Oruc dem Tagesspiegel. Für Israel kommt ein Ende der Gaza-Blockade nur nach Zugeständnissen der Hamas im Fall des Soldaten infrage.

Mit einem Engagement für Schalit würde die Türkei ihren Anspruch als regionale Ordnungsmacht unterstreichen, der es um einen Ausgleich zwischen den Nahost-Konfliktparteien geht. Ob Erdogan zu einer solchen Initiative bereit ist, blieb zunächst jedoch offen. Der Premier äußerte sich in der Öffentlichkeit nicht zu einer möglichen Vermittlungsaktion für Schalit, sondern bekräftigte bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem syrischen Präsidenten Baschar al Assad seine Kritik an Israel: „Hass“ und „Terror“ gehe von der israelischen Regierung aus, sagte Erdogan am Montag.

Derzeit ist die türkische Nahost-Politik überhaupt ganz darauf ausgerichtet, Israel wegen des Angriffes auf die Gaza-Schiffe an den Pranger zu stellen. Eine Normalisierung der Beziehungen sei nur bei einer Zustimmung Israels zu einer internationalen Untersuchung des Angriffs möglich, sagte Außenminister Ahmet Davutoglu.

Auch beim Gipfeltreffen der Konferenz für Interaktion und Vertrauensbildende Maßnahmen in Asien (CICA) an diesem Dienstag in Istanbul dürfte die Kritik am israelischen Vorgehen bekräftigt werden. Zu den Teilnehmern gehören unter anderem Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, der russische Premier Wladimir Putin und der iranische Staatschef Mahmut Ahmadinedschad. Israel selbst verzichtete wegen der jüngsten Krise darauf, ein Regierungsmitglied zu schicken.

Der Hamas-Rivale Abbas würdigte die Opfer der israelischen Aktion gegen die Gaza-Schiffe als „Märtyrer“. Die Türkei unterstützte Abbas mit einem in Istanbul unterzeichneten Abkommen, das unter anderem die Einrichtung eines gemeinsamen Regierungsausschusses und türkische Hilfe bei der Ausbildung palästinensischer Diplomaten vorsieht. Erdogan forderte einen Friedensschluss zwischen der Hamas und Abbas’ Fatah-Bewegung. Hamas habe der türkischen Seite die „Vollmacht“ gegeben, im Streit mit der Fatah zu vermitteln. Ob diese „Vollmacht“ auch für Gespräche über das Schicksal des israelischen Soldaten Schalit gilt, sagte der Premier indes nicht.

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