Nach Anschlag auf BVB-Bus : Großer Einsatz, keine Angst

Nach den Explosionen in Dortmund gehen die Ermittler von einem Terrorakt aus. Was geschah nach dem Schock? Fragen und Antworten.

Philipp Höppner
Höchste Sicherheit: Ein Hund sucht die Tribünen im Dortmunder Station vor dem Spiel nach Sprengstoff ab.
Höchste Sicherheit: Ein Hund sucht die Tribünen im Dortmunder Station vor dem Spiel nach Sprengstoff ab.Foto: dpa

Drei Sprengsätze sind neben dem Mannschaftsbus von Borussia Dortmund explodiert. Verteidiger Marc Bartra wurde verletzt, die anderen Spieler hatten großes Glück, dass nicht mehr passierte.

Wie haben die Spieler reagiert?

Sven Bender ist defensiver Mittelfeldspieler. Er ist auf dieser Position gewissermaßen für die Sicherheit seiner Mannschaft zuständig, er muss Gefahren zeitig erkennen, Lücken zulaufen und Löcher stopfen. Am Dienstagabend ist Bender seiner Rolle als Sicherheitsbeauftragter auf eine andere Art gerecht geworden. Bei der Fahrt des Mannschaftsbusses von Borussia Dortmund soll er aus dem Augenwinkel die Detonation eines Sprengsatzes wahrgenommen haben, woraufhin er dem Fahrer zu verstehen gab, möglichst schnell weiterzufahren. Ob das letztlich entscheidend war, dass den Spielern des BVB bei der Sprengstoffattacke nicht Schlimmeres passiert ist, wird man nicht mit Sicherheit sagen können. Verteidiger Marc Bartra wurde von Glasscherben an der Hand und am Arm verletzt. Er wurde notärztlich versorgt, später in einem Dortmunder Krankenhaus operiert. Offiziell gilt er als „schwer verletzt".

Marcel Schmelzer, Borussias Kapitän, vermutete bei der Explosion zunächst nichts wirklich Schlimmes. „Muss da wieder jemand einen Stein gegen den Bus werfen?", fragte er sich. Torhüter Roman Bürki hat der Schweizer Boulevardzeitung „Blick" die Situation so geschildert: „Der Bus bog auf die Hauptstraße ein, als es einen Riesenknall gab – eine regelrechte Explosion. Nach dem Knall haben wir uns alle im Bus geduckt und wer konnte, auf den Boden gelegt. Wir wussten ja nicht, ob noch mehr passiert." Die Spieler kehrten zunächst in ihr Hotel zurück, später wurden sie in Kleinbussen nach Hause gebracht. Ein Hotel für die gesamte Mannschaft war auf die Schnelle nicht aufzutreiben.

Die Spieler hätten unter „Komplettschock" gestanden, berichtete BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Ihre Gedanken waren vor allem bei ihrem verletzten Kollegen Bartra. Die Entscheidung, dass sie nicht einmal 24 Stunden später schon wieder Fußball spielen sollten, war hingegen kein Thema. „Das wird eine große Herausforderung", sagte Watzke. „Aber das ist unser Job." Während die Spieler des AS Monaco noch am Abend im leeren Dortmunder Stadion trainierten, versammelten sich die Dortmunder am Mittwochvormittag auf ihrem Trainingsgelände. Watzke sprach zehn Minuten zur Mannschaft: „Wir spielen heute nicht nur für uns. Wir spielen für alle. Egal, ob Borusse, Bayer oder Schalker. Wir wollen zeigen, dass Terror und Hass unser Handeln niemals bestimmen dürfen. Und wir spielen natürlich für Marc Bartra, der sein Team siegen sehen will!" Die Operation des Spaniers sei gut verlaufen, teilte der BVB mit. Bartra soll noch in dieser Saison wieder spielen können.

Wie war die Sicherheitslage vor dem Champions-League-Spiel am Mittwoch?

An der Adi-Preißler-Allee im Dortmunder Stadtteil Brackel war am Mittwochvormittag eine Armada von Polizeiwagen aufgefahren. Nach den Ereignissen des Vorabends bereiteten sich die Dortmunder Spieler verständlicherweise unter besonderem Schutz auf das Champions-League-Viertelfinale gegen Monaco vor. In ihrer Pressekonferenz am späten Dienstagabend hatte die Polizei bereits angekündigt, dass für das verlegte Spiel ein Großeinsatz geplant sei. Die Zuschauer wurden gebeten, möglichst früh anzureisen, da wegen der verschärften Sicherheitskontrollen mit längeren Wartezeiten an den Eingängen zu rechnen sei, Rucksäcke dürften generell nicht mit ins Stadion genommen werden.

Für das Champions-League-Spiel des FC Bayern München gegen Real Madrid am Mittwochabend wurde die Zahl der Polizeibeamten um 80 auf 450 aufgestockt. Die Mannschaftsbusse beider Teams sollten mit Spürhunden durchsucht werden, zudem werde eine alternative Anfahrtsroute zum Stadion geprüft, teilte ein Sprecher der Polizei in München mit. Diese Maßnahmen bewegten sich aber alle im üblichen Rahmen. Bereits seit den Anschlägen auf das Stade de France im November 2015 gibt es in den Bundesligastadien verschärfte Kontrollen, die mal mehr mal weniger strikt gehandhabt werden. Dass der Fußball ein Ziel für Terroristen sein kann, ist allen Beteiligten am Dienstag noch einmal bewusst geworden. Trotzdem sagt Zlatko Junuzovic vom SV Werder Bremen: „Angst habe ich keine – und will auch keine haben."

Wie hat der Fußball in der Vergangenheit auf Anschläge reagiert?

Huub Stevens versuchte zu verhindern, was nicht zu verhindern war. Er stürzte über die Gänge im Schalker Mannschaftshotel, riss die Türen der Zimmer auf und schrie: „Macht die Fernseher aus! Macht sofort die Dinger aus!" Am Abend würden die Schalker das erste Champions-League-Spiel ihrer Vereinsgeschichte bestreiten, aber ihr Trainer Stevens ahnte schon, dass dies ein komplizierter Fall werden würde. Es war der Nachmittag des 11. September 2001. Im Fernsehen liefen die Bilder von der Terrorattacke auf New York, von Flugzeugen, die in Wolkenkratzer krachten. An Fußball war an diesem Tag nicht zu denken. Die Schalker mussten am Abend trotzdem spielen gegen Panathinaikos Athen – weil es die Funktionäre der Uefa so wollten.

Erst die Spiele an den beiden folgenden Tagen – unter anderem die Uefa-Pokal-Begegnungen von Hertha BSC gegen Westerlo und vom 1. FC Union gegen Valkeakoski – wurden abgesagt. Es ist im Sport in Zeiten des Terrors eine Ausnahme geblieben. Die Entscheider folgen in der Regel der Maxime „The show must go on". Auch weil man sich nicht dem Vorwurf aussetzen will, man kapituliere vor dem Terror. Nachdem das Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft in Paris Ziel eines (letztlich) missglückten Anschlags geworden war, gab es innerhalb des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Diskussionen, ob das Testspiel vier Tage später in Hannover gegen Holland wirklich stattfinden müsse. Auch wenn es am Ende wegen einer Terrordrohung kurzfristig abgesagt wurde: Dass sich der DFB für die Austragung entschieden hatte, wurde von Bundestrainer Joachim Löw als „eine klare Botschaft, ein klares Symbol – für die Freiheit und die Demokratie" gewertet.

In einem ähnlichen Sinne hat sich auch BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke nach dem Anschlag am Dienstag geäußert. Er habe „an die Mannschaft appelliert, der Gesellschaft zu zeigen, dass wir vor dem Terror nicht einknicken". So müssen die Dortmunder nicht einmal 24 Stunden nach der Attacke auf ihren Bus schon wieder auf dem Platz stehen. Als Stadionsprecher Norbert Dickel diese Entscheidung am Dienstagabend im Stadion verkündete, gab es Pfiffe von den Rängen – sie galten wohl nicht der Verlegung an sich, sondern dem frühen Nachholtermin. „Es ist eine sehr unglückliche Situation, aber sie ist nicht anders zu lösen", sagte Watzke. In der nächsten Woche findet bereits das Rückspiel in Monaco statt, eine Woche später bestreitet der BVB das DFB-Pokalhalbfinale gegen Bayern München – und wieder nur eine Woche später steht bereits das Halbfinale der Champions League an.

Wie reagierten die Fans?

Erst einmal gab es einen Schnaps aufs Haus, dann eine kostenlose Schlafgelegenheit. Ein Hotel in Lüdinghausen, mit der Bahn 30 Minuten von Dortmund entfernt, hatte per Twitter mitgeteilt, dass es gestrandete Fans aus Monaco aufnehme. Fünf Anhänger folgten dem Angebot. So wie ihnen ging es am Dienstagabend vielen, die nach der Verlegung des Spiels noch einen Tag länger in Ruhrgebiet bleiben wollten. Unter dem Hashtag #bedforawayfans sollten sich Menschen in und um Dortmund melden, die Fans des AS Monaco bei sich aufnehmen würden. Die Aktion wurde ein voller Erfolg, wie etliche Fotos von vereinsübergreifenden Verbrüderungsaktionen am Küchentisch zeigten.

Entsprechend wurde auch in den Fanforen des BVB gefordert, dass es beim Nachholspiel keine Pfiffe gegen die Anhänger und die Mannschaft des AS Monaco geben solle – als Zeichen, dass man gemeinsam gegen den Terror stehe. Schon am Dienstag hatten sich die Gästefans den Respekt der Dortmunder Anhänger erworben. Nachdem sich die Nachricht von der Attacke gegen den BVB-Bus verbreitet hatte, riefen sie: „Dortmund! Dortmund!"

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