Nach Attacke auf Polizeichef : Tätersuche am rechten Rand

Die NPD distanziert sich von der Attacke auf Alois Mannichl – aber die Partei hatte den Passauer Polizeichef zuvor geschmäht.

Frank Jansen[Berlin],Mirko Weber[München]
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Alois Mannichl.Foto: ddp

Am 23. Juli 2008 stirbt Friedhelm Busse in jenem Passauer Krankenhaus, wo jetzt der 52-jährige Passauer Polizeichef Alois Mannichl liegt, schwer verletzt, aber außer Lebensgefahr. Es ist eine bizarre Überschneidung. Busse war jemand, bei dessen Namensnennung Mannichl sofort aufmerkte. Am 26. Juli wird Busse in Passau beerdigt, der Friedhof ist St.-Korona, etwas außerhalb der Stadt. Die Passauer Polizei ist gewarnt. Busse, Jahrgang 1929, gebürtiger Bochumer und schon als Jugendlicher fanatischer Nazi, gehörte 1964 zu den Gründungsmitgliedern der NPD, war im Landesvorstand Nordrhein-Westfalen, später Vorsitzender der verbotenen FAP und zeitweise Gegenspieler des Kreises um den homosexuellen und an Aids gestorbenen Michael Kühnen. Gegen Ende seines Lebens engagiert sich der mehrfach vorbestrafte und mittlerweile schon länger bei München wohnende Busse wieder für die NPD.

Deren derzeitiger Vorsitzender Udo Voigt, aber auch andere höherrangige Funktionäre der NPD sind bei der Beerdigung anwesend. Das ehemalige Bundesvorstandsmitglied Thomas Wulff bedeckt den Sarg mit einer umgefärbten Reichskriegsflagge, in deren Mitte ein Hakenkreuz verwoben ist. Die Polizei schaut zuerst in Zivil zu. Sie nimmt elf Neonazis fest, darunter ist auch Wulff. Später kommt es zu Auseinandersetzungen in der Passauer Innenstadt. Am Tag danach lässt die Staatsanwaltschaft das Grab öffnen und die Flagge entfernen. Hinter der Aktion steht maßgeblich Alois Mannichl, und die Nazis werden ihm diese Aktion nicht vergessen.

Zwar äußert sich die NDP bereits einen Tag nach der Messerattacke auf Mannichl, der in Fürstenzell bei Passau arglos einem Besucher die Haustür geöffnet hatte, scheinbar eindeutig: Sie nennt die Tat auf ihrer Seite im Internet einen „feigen Mordanschlag“ und verurteilt sie „aufs schärfste“. Die Distanzierung hat ihren Grund. Die verbürgte Bemerkung des Attentäters: „Du trampelst nimmer mehr auf den Gräbern unserer Kameraden herum!“ scheint Bezug zu nehmen auf einen Vorgang, wegen dem die NPD Mannichl noch Mitte November geschmäht hatte. Mannichl, der sich stets persönlich herausgefordert fühlte, wenn es darum ging, bewusst eine Haltung zu Rechts-, aber auch zu Linksradikalen einzunehmen, war am Volkstrauertag am Soldatenfriedhof in Passau erschienen, um sich, wie die NPD auflistete, „absichtlich provozierend zehn Zentimeter vor einen Funktionsträger der NPD“ zu stellen. Der Funktionär wechselte den Standort, und Mannichl folgte ihm. Die vorgesehene Kranzniederlegung, vorher bereits von der Stadt verboten, wurde von Mannichl vor Ort kurzerhand unterbunden.

Am Montagmittag demonstrierten über 300 Menschen in der Passauer Altstadt gegen rechte Gewalt. Derweil wurden die beiden Männer von der Polizei entlassen, die als Tatverdächtige in der Nähe von Passau festgenommen worden waren. Mannichl hatte sie im Krankenhaus anhand von Fotos nicht identifizieren können.

Nach Informationen des Tagesspiegels hat einer der beiden festgenommenen und nun wieder freigelassenen Tatverdächtigen offenbar Verbindungen zur NPD. „Der ist seit kurzem in der NPD- Szene in Passau“, hieß es am Montag in Sicherheitskreisen. Der 1982 geborene Mann habe ein Alibi von Familienangehörigen. Bei dem zweiten Festgenommenen handelte es sich um einen Mann, der ein Jahr älter ist und auch ein Alibi präsentiert hat. Es blieb am Montag unklar, ob die beiden Männer damit komplett von jedem Verdacht entlastet sind.

Das Messer, mit dem der Mann am Samstag auf Mannichl eingestochen hat, stammt überraschenderweise aus Mannichls Vorgarten. „Herr Mannichl hatte das Messer selber dort abgelegt“, sagte der leitende Staatsanwalt Helmut Walch. Nach einem adventlichen Brauch sollten sich Besucher damit ein Stück von einem Lebkuchen abschneiden können, den die Familie vor die Haustür gestellt hatte. Walchs Behörde beginnt jetzt von neuem damit, nach dem Täter und dessen Begleiter, der das Auto fuhr, zu suchen.

Mannichl hat in Fürstenzell, seinem Wohnort bei Passau, teilweise direkt vor Augen gehabt, wie sich die rechtsradikale Szene in den letzten Jahren entwickelte. Szenetreffpunkt war das Lokal „Traudl’s Café“, eine heruntergekommene Gaststätte, die den meisten Anwohnern peinlich ist, weil hier öfter „Gesprächskreise für interessierte Bürger“ stattfinden. Monatelang stand hier als Überbleibsel einer Gegendemonstration das Schild „kein Platz für Extremisten“ gegenüber dem Café. Hinter den Organisatoren der Veranstaltungen verbarg sich meistens eine rechtsradikale Organisation.

Insgesamt beziffert Bayerns Innen ministerium die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten in dem Bundesland derzeit auf 1100. Dass Mannichl ein Feindbild abgab, war bekannt; insgesamt zählten die Beamten in der Region Passau in diesem Jahr bereits 83 rechtsextremistische Straftaten, mehr als doppelt so viele wie in den Jahren zuvor. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sagte nach einem Besuch am Krankenbett des Passauer Polizeichefs: „Das ist ein Angriff auf unseren Rechtsstaat, das geht uns alle an.“

Ein Teil der rechten Szene reagierte im Internet mit zynischem Beifall auf die Gewalttat von Fürstenzell. Auf der Seite des bei Neonazis populären Portals Altermedia hieß es, „jeder Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht“.

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