Nach Attentat auf Weihnachtsmarkt : Der Anschlag in Berlin kindgerecht erklärt

Zwölf Menschen sind durch einen Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt gestorben, viele sind noch verletzt. Wir beantworten die wichtigsten Fragen für Kinder.

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Beileidsbekundungen und Schilder liegen zwischen Blumen und Kerzen an der Stelle des Anschlags auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.
Beileidsbekundungen und Schilder liegen zwischen Blumen und Kerzen an der Stelle des Anschlags auf dem Weihnachtsmarkt am...Foto: Britta Pedersen/dpa

Diese Kinderspiegel-Extraseite zum Terroranschlag findet Ihr im Tagesspiegel an diesem Freitag auf der 6. Seite - oder Ihr könnt Sie hier als PDF-Datei herunterladen oder ausdrucken.

Zwischen dem Kaufhaus Bikini Berlin und der Gedächtniskirche fand der Anschlag statt. Am Donnerstag vor Weihnachten wurde der Markt dort wieder eröffnet. Er ist jetzt auch ein Ort der Trauer und des Nachdenkens geworden.
Zwischen dem Kaufhaus Bikini Berlin und der Gedächtniskirche fand der Anschlag statt. Am Donnerstag vor Weihnachten wurde der...Foto: Britta Pedersen/dpa

Terroristen wollen Angst machen - was kann man dagegen tun?
Und gab es Terroristen eigentlich schon immer?

Terroristen sind Verbrecher, die Angst und Unsicherheit verbreiten wollen. Meistens wollen sie keinen Vorteil für sich selbst erreichen, sondern möglichst viele Menschen erschrecken und verunsichern. Sie wollen Lebensweisen stören, die ihnen nicht gefallen. Dazu wollen Terroristen nicht diskutieren, wählen gehen oder Politik machen, sondern möglichst auffällig provozieren. Wenn nach einem Anschlag alle streiten und sich nicht einigen können, wie man solche Taten verhindern soll, haben sie ihr Ziel erreicht.

Terroristen gibt es seit vielen Jahrzehnten – seit Menschen andere Teile der Welt kennen und sich Nachrichten schnell verbreiten. Sie zielen auf Orte, wo viele Menschen zusammenkommen. Dazu gehören auch Busse, Flugzeuge und Eisenbahnen. Aber wenn jetzt in Zeitungen, im Fernsehen, Radio und Internet viel über den Anschlag auf dem Breitscheidplatz berichtet wird, heißt das trotzdem nicht, dass die Gefahr groß ist, einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen. Berichtet wird ja meistens nur über Ausnahmen. Wenn alles glatt läuft und nichts passiert, wird darüber nicht viel berichtet. Auch wenn jetzt alle Nachrichten voll sind mit Geschichten über den Berliner Terroranschlag: Den allermeisten Menschen geht es gut, sie gehen einkaufen, schlafen aus und bereiten das Weihnachtsfest vor.

Gedenken im Weihnachtstrubel - am Breitscheidplatz, wo bei einem Terroranschlag 12 Menschen gestorben sind.
Gedenken im Weihnachtstrubel - am Breitscheidplatz, wo bei einem Terroranschlag 12 Menschen gestorben sind.Foto: Stefan Zeitz/Imago

Wenn euch die ganze Geschichte Angst macht, macht euch klar: Angst ist eigentlich ein wichtiges Gefühl. Sie lässt uns achtsam sein und reagieren, wenn wir eine Gefahr bemerken. Die Reaktion ist wichtig, damit die Angst verschwindet und nicht größer wird. Deshalb könnt ihr weggehen, wenn euch etwas ängstigt, laut nach Hilfe rufen oder mit jemandem sprechen. Man kann sich Orte, die einen ängstigen, auch in Ruhe ansehen – dann sind sie nicht mehr so erschreckend. Und immer wenn die Angst weggeht, haben die Terroristen ihr Ziel nicht erreicht. (cwe)

Spaß und Freude sind das Beste:
Wir leben in einer freien Gesellschaft, und so soll es bleiben

Stellt euch einen Schulhort vor. Dort sind alle frei, wenn sie spielen dürfen, was sie wollen, und jeder mitspielen darf. Diese Freiheit fühlt sich aber erst wirklich gut an, wenn es Regeln gibt, an die sich alle gerne halten. Sie müssen vorher ausgemacht werden, und jeder sollte damit immer noch so frei wie möglich spielen können. Regeln sind dann kein Zwang, wenn alle sie akzeptieren, weil sich alle auf sie geeinigt haben.

Die Regeln in unserem Hort legen zum Beispiel fest, dass kein Kind einem anderen etwas wegnehmen, es angreifen oder verletzen darf. Andere Kinder dürfen auch nicht ausgelacht werden, weil sie rote, schwarze oder blonde Haare haben. Oder weil sie blind sind oder im Rollstuhl sitzen.

Ein freies Land funktioniert nur, wenn es Regeln für Freiheit gibt. Dann ist es wunderbar, in einer freien Gesellschaft zu leben. Die Terroristen wollen eine Gesellschaft, in der nur sie die Regeln diktieren. In einer freien Gesellschaft darf jeder an den Gott glauben, den er gut findet. Jeder darf den lieben, in den er verliebt ist. Jeder darf seine Meinung sagen und sich mit anderen versammeln, vielleicht um gegen politische Entscheidungen zu demonstrieren. Und vor allem: Jeder darf Spaß haben und Freude am Leben. Das ist das Beste an freien Gesellschaften! Freiheit könnt ihr euch wie ein Gefühl vorstellen. Dann ist es wie Fliegen oder wie Schmetterlinge im Bauch. (ale)

Was ist der IS?
Islamistische Terroristen kämpfen gegen die moderne Welt –
und manche wollen eine Gesellschaft wie vor 1.400 Jahren

Seit mehr als zehn Jahren verbreitet in Nordafrika und auf der Arabischen Halbinsel eine Terroristen-Organisation Schrecken, die sich selbst „Islamischer Staat“ nennt, abgekürzt IS. Sie will zurück in die Zeit des Propheten Mohammed, der vor 1.400 Jahren lebte und die Religion des Islam gründete.

Deswegen kleiden sich die IS-Chefs in wallende Gewänder wie damals und nennen sich wie die Nachfolger von Mohammeds Kalifen. Sie zerstören Kunst- und Bauwerke, die sie für gotteslästerlich halten, und wenden die Strafen an, die damals üblich waren. Zum Beispiel lassen sie Dieben die Hände abhacken.

Ob die IS-Kämpfer wirklich so fromm sind, wie sie behaupten, bezweifeln vor allem viele gläubige Muslime, wie man die Anhänger des Islam nennt. Die sagen: Kinder und Frauen zu töten, ist im Islam verboten. Außerdem hat Mohammed nie befohlen, die Zeit anzuhalten. Wenn Männer vor 1.400 Jahren lange Bärte und Kleider trugen, heißt das ja nicht, dass sie das heute noch tun müssen.

Und die IS-Leute nehmen es damit auch selbst nicht so genau: Sie verbieten zwar überall, wo sie die Macht haben, Musik, Theater und Kino. Aber ihre eigenen Waffen sind hochmodern, auch das Internet und die modernen Medien nutzen sie gern und viel.

Ein Anhänger der Terroristen-Organisation IS in der syrischen Stadt Rakka.
Ein Anhänger der Terroristen-Organisation IS in der syrischen Stadt Rakka.Foto: Reuters/Stringer

Die Weltgemeinschaft verurteilt den IS und seine Taten. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, in dem die großen Länder der Erde sitzen, nennt ihn eine Terrororganisation. Das stimmt. Der Rat hat aber nicht ehrlich gesagt, dass einige Länder, die im Sicherheitsrat sitzen, selbst mit daran schuld sind, dass es den IS gibt. Seit vielen Jahren führen die mächtigen Staaten der Welt Krieg im Ausland und unterstützen dabei auch brutale Leute, damit die ihnen helfen.

Vor fast 40 Jahren machten die USA in Afghanistan die Taliban stark, die ähnlich wie der IS denken. Die unterstützten die Terroristen von Al Qaida, die 2001 zwei Flugzeuge in die Hochhaustürme des World Trade Center in New York steuerten. Als die USA deswegen Afghanistan angriffen, wichen die Leute von Al Qaida nach Nordafrika aus. Einige von ihnen gründeten dort den IS.

Der IS ist heute besonders stark im Irak und in Libyen. Beide Staaten wurden unter der Führung von westlichen Ländern 2003 und 2011 angegriffen und sind seitdem stark zerstört. Deshalb kann der IS sich dort leicht ausbreiten. Es könnte sein, dass auch der jetzige Krieg ihn stärker machen wird.

Besser wäre es, wenn südlich von Europa Demokratien entstünden, in denen die Menschen sicher und ohne zu hungern leben können. (ade)

Was haben Flüchtlinge damit zu tun?
Sie sind geflüchtet vor dem Terror - die allermeisten sind über den Anschlag entsetzt

Auf der ganzen Welt waren im vergangenen Jahr etwa 65 Millionen Menschen auf der Flucht, die Hälfte davon Kinder. Die Menschen flüchten, weil in ihrem Land Krieg herrscht, weil sie verfolgt werden, weil sie hungern oder einfach keine Zukunft für sich sehen. Manche versuchen, nach Europa zu kommen, und einige schaffen es auch.

Im Sommer 2015 kamen sehr viele Flüchtlinge auf einmal nach Deutschland, die meisten waren auf der Flucht vor dem Krieg in Syrien. Bundeskanzlerin Angela Merkel entschied, sie ins Land zu lassen, statt Grenzzäune zu errichten wie in Ungarn. Das Problem ist, dass zu viele kamen, um sie alle gleich zu kontrollieren. So konnte man Terroristen oder Verbrecher nicht überprüfen.

Aber selbst wenn sie bekannt sind, ist es schwierig, gefährliche Leute im Auge zu behalten. Anis Amri, der am Montag den Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz lenkte, stammt aus Tunesien. Die Polizei wusste sogar, dass er gefährlich ist. Sie konnte ihm aber nichts nachweisen und verlor ihn dann aus den Augen.

Er ist offenbar nach Italien geflohen. Als Polizisten ihn kontrollieren wollten, hat Anis Amri sofort mit seiner Pistole geschossen und einen Polizisten verletzt. Die anderen Polizisten haben Anis Amri dann getötet.

Alle trauern: Nach dem Anschlag haben am Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche auch Muslime für die Opfer gebetet und gesungen
Alle trauern: Nach dem Anschlag haben am Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche auch Muslime für die Opfer gebetet und...Foto: Hannibal Hanschke/rtr

Die große Mehrheit der Geflüchteten hat mit Verbrechen oder gar Terrorismus nichts zu tun. Im Gegenteil – sie sind selbst davor geflohen. Und die allermeisten, die zu uns gekommen sind, sind über den Anschlag natürlich auch entsetzt. Geflohene Kinder, die vielleicht in eure Klasse gehen, haben ihre Heimat verloren, womöglich auch Verwandte oder sogar ihre Eltern. Oft können in der Familie nur sie Deutsch und müssen für die Erwachsenen übersetzen. Diese Kinder brauchen Freundschaft und Unterstützung - genau wie die allermeisten Erwachsenen, die aus ihrer Heimat zu uns fliehen mussten. (nie)

Der Tatort, wo der Anschlag stattgefunden hat. Rechts sieht man die Spur des Lkws, links oben im Bild steht der Tieflader, der die Menschen überfahren hat, noch auf der Straße.
Der Tatort, wo der Anschlag stattgefunden hat. Rechts sieht man die Spur des Lkws, links oben im Bild steht der Tieflader, der die...Foto: Rainer Jensen/dpa

Es war nicht das erste Mal:
Auch in anderen Städten in Deutschland und in Europa gab es schon Attentate

Islamistische Terroristen haben schon mehrmals versucht, in Deutschland Anschläge zu begehen. Das klappte oft nicht. Bei zwei Angriffen sind jedoch Opfer gestorben. Das war jetzt in Berlin der Fall und schon im März 2011, als ein junger Islamist am Flughafen in Frankfurt zwei amerikanische Soldaten erschossen hat.

Die Polizei konnte gemeinsam mit dem Verfassungsschutz, das ist der deutsche Geheimdienst im Inland, einige Anschläge verhindern. An einen Fall könnt ihr euch vielleicht noch erinnern: Im Oktober berichtete der Tagesspiegel über den Syrer Jaber Albakr, der sich den Berliner Flughafen Tegel genau angeschaut hatte, um hier später eine Bombe zu zünden. Albakr hatte in einer Wohnung in Sachsen schon Chemikalien für Sprengstoff bereitgestellt. Der Verfassungsschutz beobachtete Albakr und informierte die Polizei. Im Oktober versuchten Polizisten, ihn festzunehmen. Doch er ist ihnen entwischt. Wenige Tage später haben Syrer, bei denen er übernachtet hatte, ihn gefesselt und der Polizei übergeben.

Im Jahr 2007 ist es den Sicherheitsbehörden gelungen, eine Terrorbande auszuschalten. Die „Sauerlandgruppe“ wollte Autos voller Sprengstoff als rollende Bomben vor Diskotheken und Supermärkten explodieren lassen, in denen sich Amerikaner aufhalten. Die Mitglieder wurden vorher festgenommen.

Große Anschläge gab es auch schon in den europäischen Städten Paris, Brüssel und Nizza.

Leider werden auch Jugendliche zu Terroristen. Im Februar hat eine 15-jährige Schülerin in Hannover mit einem Messer einem Polizisten in den Hals gestochen. Der Mann hat überlebt. Das Mädchen hatte wohl auch Kontakt zum IS. (fan)

Viele Texte aus dem Tagesspiegel für Erwachsene findet Ihr unter diesem Link - überlegt mit Euren Eltern, was Euch genauer interessiert und ob Ihr sie zusammen lesen wollt: http://www.tagesspiegel.de/themen/anschlag-in-berlin

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