Nach Berlusconis Rücktritt : Hupkonzert am Quirinal

Die Italiener feiern den Rücktritt ihres Premiers Berlusconis wie einen WM-Sieg. Aber nicht alle sind überzeugt, dass nun seine Ära wirklich beendet ist.

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Und Prost! Darauf ein Glas, dachten sich Tausende – nicht nur in Rom. Foto: rtr
Und Prost! Darauf ein Glas, dachten sich Tausende – nicht nur in Rom. Foto: rtrFoto: REUTERS

Am Sonntagabend hat der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano den früheren EU-Kommissar Mario Monti erwartungsgemäß mit der Bildung einer Übergangsregierung beauftragt. In Brüssel wurde diese Entscheidung mit Erleichterung aufgenommen. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso werteten dies als „ermutigendes Signal zur Krisenüberwindung“. Der 68-jährige Monti nahm Napolitanos Auftrag „unter Vorbehalt“ an. Er ließ offen, ob sich sein Vorbehalt auf die Ankündigung des am Samstag zurückgetretenen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi bezieht, seine Verpflichtungen im Parlament „mit doppeltem Einsatz“ wahrnehmen zu wollen. Es gehe darum, Italien zu erneuern, sagte Berlusconi in einer Fernsehbotschaft am Sonntagabend. Seine „Liebe und Leidenschaft für Italien“ seien ungebrochen. Nur die Pfiffe und Beleidigungen am Vorabend hätten ihn traurig gemacht, beklagte Berlusconi.

Über dem Quirinal stand zum Zeitpunkt von Berlusconis Rücktritt am Samstagabend der Vollmond. Vor dem Verfassungsgericht haben sich Chor und Orchester eines „Permanenten Musikalischen Widerstands“ aufgebaut. Schon zum dritten Mal innerhalb von 40 Minuten spielen sie das „Halleluja“ aus Händels Messias – und jedes Mal geht der Schlussakkord in riesigem Applaus und in Gegröle wie im Fußballstadion unter: „Hanswurst! Hanswurst!“ skandiert die Menge: „Mafioso, Mafioso! Gefängnis! Gefängnis! Schande! Schande!“ Die Autos, die vorbeifahren, hupen im Rhythmus mit, aus den Fenstern schießen Finger mit dem Victory-Zeichen in die Höhe. Irgendwo muht dumpf und laut eine Vuvuzela.

Es ist Party wie vor fünf Jahren, als Italien Fußball-Weltmeister wurde. Es ist Volksfeststimmung vor dem Palast des italienischen Präsidenten Giorgio Napolitano. Um 20.30 Uhr, so hat es sich herumgesprochen, wird Silvio Berlusconi hier seinen Rücktritt einreichen, und von Minute zu Minute strömen mehr Menschen zum Palast. Einige Tausend sind es am Ende: Frauen, Männer, Junge, Kinder auf den Schultern, Rentner und alle Altersgruppen dazwischen. „Fest der Befreiung!“ hat einer auf sein Schild geschrieben; „bye-bye Silvio“, steht auf einem anderen. Die Leute schwenken italienische Fahnen, halten sich mit einem populären Sprungtanz warm („Wer hier nicht mittanzt, muss ein Berlusconi sein!“), und immer wieder brandet in der Menge die Nationalhymne auf: „Brüder Italiens, Italien ist aufgestanden.“

Polizisten sind auch da. Zuerst versuchen sie – bemerkenswert entspannt –, die Menge am Rand zu halten. Als die Masse den Platz stürmt, gehen sie zur Seite. Dann kommt „Er“. Beobachter, die ihm den ganzen Samstag auf den Fersen sind, stellen fest, wie starr Berlusconis Blick geworden ist, wie verkrampft seine Kinnlade. Als er den Palast des Präsidenten erreicht, machen die Massen die Straßen eng. Für Berlusconi in seinem Konvoi wird die Fahrt zum Spießrutenlauf. Es fliegen außer Slogans aber nur ein Schuh und eine Handvoll Kleingeld. Als sich eine Dreiviertelstunde später der Rücktritt Berlusconis herumspricht, da kennt das Fest kein Halten mehr. Da ist Polonaise. Da fliegt Konfetti. Da knallen die Sektkorken. „Giorgio! Giorgio!“ Jetzt feiert die Menge den Staatspräsidenten. Dann brüllen sie noch einmal, halbwegs einstimmig und was die Kehlen noch hergeben, die Nationalhymne.

Der Sonntag nach der Party gehört dann dem Staatspräsidenten, dem 86-jährigen, hellwachen und offenbar unermüdlichen Napolitano. Von 9 Uhr an stehen die Führer der verschiedenen Parlamentsparteien und -gruppierungen bei ihm Schlange. Knapp zwölf Stunden später, stellt Napolitano Mario Monti als Berlusconis Nachfolger vor. Doch der Schatten Berlusconis will so schnell nicht weichen. „Wir haben immer noch eine sichere Mehrheit im Senat; wir können und werden der neuen Regierung, wann immer wir es wollen, den Stecker herausziehen“, sagte er noch am Samstag. An seine Partei schrieb er: „Ich wünsche mir, gemeinsam mit Euch den Weg an die Regierung wieder aufzunehmen.“

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