Nach Brexit-Votum : Britische Kliniken klagen über Ärzte-Exodus

Der Brexit führt dazu, dass Fachärzte aus dem EU-Ausland Großbritannien den Rücken kehren. Kliniken klagen bereits über Versorgungslücken.

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Entscheidung gegen die EU. Als Folge davon kehren nun auch viele Ärzte aus anderen EU-Ländern Großbritannien den Rücken.
Entscheidung gegen die EU. Als Folge davon kehren nun auch viele Ärzte aus anderen EU-Ländern Großbritannien den Rücken.Foto: AFP

Aufgrund der Brexit-Entscheidung kehren Ärzte aus anderen EU-Ländern, die bisher im britischen Gesundheitsdienst tätig waren, Großbritannien offenbar zunehmend den Rücken. Britische Berufsverbände sehen dadurch die Patientenversorgung „ernsthaft gefährdet“.

In einem offenen Brief an die Londoner „Times“ warnte die „Federation of Specialist Hospitals“ (FSH), in der viele Krankenhäuser organisiert sind, vor den Folgen dieses Exodus. Man beobachte „mit großer Sorge“, dass immer mehr hoch qualifizierte ausländische Fachärzte den Nationalen Gesundheitsdienst (NHS) verließen, heißt es in dem Schreiben. Dabei handle es sich um eine direkte Reaktion auf den Brexit.

Versorgungslücken in Kardiologie und Neurologie

In Fachbereichen wie der Kardiologie und der Neurologie klafften bereits „Versorgungslücken“. Diese dürften in den nächsten Monaten noch wachsen und auch auf andere Fachrichtungen übergreifen. Unterzeichnet ist der öffentliche Alarmruf von führenden Mitarbeitern des Papworth Hospital in Cambridge, einem der führenden Herztransplantationszentren, des Liverpooler Walton Centre für Neurologie, der Londoner Moorefield Augenklinik und des ebenfalls in der Hauptstadt befindlichen Royal Brompton Hospital, das sich auf Krebsbehandlungen spezialisiert hat.

Bisher habe Premierministerin Theresa May nicht erklärt, ob Ärzte und anderes Gesundheitspersonal, das derzeit in Großbritannien arbeitet, nach dem EU-Austritt im Land bleiben dürften, berichtete die deutsche "Ärztezeitung". Diese Unsicherheit scheine einer der Hauptgründe zu sein, warum nun zahlreiche Ärzte aus Deutschland und anderen EU-Ländern in Großbritannien ihre Koffer packten. Umfragen des Blattes bei anderen Kliniken in den Großräumen London und Manchester hätten ergeben, dass es auch dort Probleme durch Ärzte und anderes Klinikpersonal aus EU-Ländern gebe, die das Land verließen.

"Lähmende und nervenaufreibende Unsicherheit"

Berufsverbände und Patientenorganisationen forderten die Londoner Regierung auf, "unverzüglich" klarzustellen, dass EU-Ärzte in jedem Fall ein gesichertes Aufenthaltsrecht in Großbritannien erhalten werden, und zwar unabhängig davon, wie die Brexit-Verhandlungen ausgehen. "Diese lähmende und nervenaufreibende Unsicherheit schadet sowohl der Arbeitsmoral als auch der Patientenversorgung", sagte eine Sprecherin des Ärzteverbandes British Medical Association der "Ärztezeitung".

Für deutsche Ärzte war Großbritannien bisher eines der attraktivsten Abwanderungsländer - nach der Schweiz, Österreich und den USA. Als Gründe wurden vor allem bessere Arbeitsbedingungen und flachere Hierarchien in den Kliniken sowie eine höhere Wertschätzung genannt. Laut Bundesärztekammer sind im Jahr 2014 aus Deutschland 69 Ärzte nach Großbritannien abgewandert, im Jahr davor waren es 88.

Die Briten hatten am 23. Juni mit knapper Mehrheit für einen Austritt aus der EU gestimmt. Bislang weigert sich Londons Regierung jedoch, ein konkretes Datum für den Beginn der Austrittsverhandlungen zu nennen.

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