Nach dem Absturz in Ägypten : Zweiter Flugschreiber nach Airbus-Absturz geborgen

224 Menschen starben beim Absturz einer russischen Maschine über dem Sinai. Der IS will das Flugzeug abgeschossen haben - doch Moskau hält das für unwahrscheinlich. Ein Bericht aus Russland.

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Eine Angehörige von Passagieren der auf dem Sinai abgestürzten Maschine trauert in St. Petersburg.
Eine Angehörige von Passagieren der auf dem Sinai abgestürzten Maschine trauert in St. Petersburg.Foto: REUTERS

Um 12:15 Uhr Ortszeit – sie ist der mitteleuropäischen derzeit um zwei Stunden voraus – erlosch auf der Leuchttafel für Ankünfte auf dem Flughafen Pulkowo in St. Petersburg die Anzeige für Flug Nr. 9268. Mit 217 Ägypten-Urlaubern und sieben Besatzungsmitgliedern an Bord hätten sie laut Plan bereits fünf Minuten zuvor landen müssen. Was die wartenden Angehörigen da noch nicht wussten: Der Airbus A-321 war bereits fünf Stunden zuvor über der Sinai-Halbinsel abgestürzt.

Um 05:51 Ortszeit – die Zeit in St. Petersburg ist der auf dem Sinai um eine Stunde voraus – im Ferienparadies Scharm el Scheich gestartet, war die Maschine schon eine knappe halbe Stunde später vom Radar der ägyptischen Fluglotsen verschwunden. Auch auf den Bildschirmen der Kollegen in Zypern, deren Luftraum sie in Kürze erreichen sollte, tauchte sie nicht auf. Versuche des Towers in Larnaka, im Südosten der Insel mit der russischen Maschine Funkkontakt aufzunehmen, schlugen ebenso fehl wie Bemühungen der Fluglotsen im türkischen Nordzypern, deren Gebiet der Airbus anschließend passieren sollte. So jedenfalls erzählt es einer der Lotsen russischen Medien. Er dementierte auch Meldungen von einer Notlandung in Nordzypern.

Alle Insassen, darunter siebzehn Kinder, seien tot, sagte Sergei Iswolski, ein Berater des Chefs der russischen Luftaufsichtsbehörde Rosavia dem staatlichen Nachrichtenkanal Rossija24.

Der ägyptische Ableger der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) hat nach eigenen Angaben die russische Passagiermaschine auf dem Sinai abgeschossen. Das teilten die Islamisten am Samstag auf ihrem Twitter-Konto mit. Ob die Selbstbezichtigung zutreffend ist, konnte bisher nicht überprüft und bestätigt werden. Die "Soldaten des Kalifats haben es geschafft, ein russisches Flugzeug in der Provinz Sinai" abzuschießen, erklärte die IS-Gruppe. Die mehr als 220 "Kreuzzügler" an Bord der Maschine seien getötet worden. Der Abschuss sei eine Racheaktion für die russische Intervention in Syrien. Russland hat Ende September mit Luftangriffen in Syrien begonnen.

IS verfügt nicht über Boden-Luft-Raketen, die eine Höhe von 9100 Metern erreicht

Moskau reagierte mit Skepsis auf die Bekennerbotschaft der Dschihadisten. "Diese Information kann nicht als exakt angesehen werden", erklärte der russische Verkehrsminister Maxim Sokolow am Samstag. Moskau sei in engem Kontakt mit den "ägyptischen Kollegen und den Luftfahrtbehörden dieses Landes". Diese verfügten derzeit über "keinerlei Information", die "solche Andeutungen" bestätigten, fügte Sokolow hinzu.

Auf der Halbinsel Sinai kämpfen islamistische Gruppen, die sich der IS-Miliz angeschlossen haben, gegen die ägyptischen Sicherheitskräfte. Seit 2013 wurden dabei hunderte ägyptische Polizisten und Soldaten getötet.

Nach Angaben von Militärexperten verfügen die IS-Kämpfer auf dem Sinai nicht über Boden-Luft-Raketen, die ein Flugzeug auf einer Höhe von 30.000 Fuß (rund 9100 Meter) treffen könnten, wie dies bei der russischen Maschine bei ihrem letzten Funkkontakt der Fall war. Die Experten schlossen aber eine Bombe an Bord oder einen Abschuss durch eine Rakete nicht aus, sollte das Flugzeug wegen technischer Probleme in den Sinkflug gegangen sein.

Die französische Fluggesellschaft Air France fliegt nach dem Absturz vorerst nicht mehr über die Sinai-Halbinsel. Dieser Luftraum werde vorsorglich vermieden, bestätigte am Samstag eine Sprecherin von Air France der Nachrichtenagentur dpa. Die Zone werde „bis auf Weiteres“ umflogen, sagte sie. Zuvor hatte bereits die Lufthansa angekündigt, den Sinai zu umfliegen.

Alle Passagiere waren angeschnallt

Alle Opfer waren Bürger Russlands, Urlauber fast ausschließlich aus St. Petersburg und und der umliegenden Region. Alle Passagiere seien angeschnallt gewesen, was darauf schließen lässt, das es Probleme gab. Auf eine versuchte Notlandung weist auch das ausgefahrene Fahrwerk hin, dass beim Aufprall völlig zertrümmert wurde. Eines der Triebwerke habe schon vor diesem gebrannt.

Die Ursachen für das Unglück – das mit Abstand schwerste in der jüngsten Geschichte der zivilen russischen Luftfahrt – sind noch unklar. Nach derzeitigem Stand schließt die Ermittlungsbehörde bei der russischen Generalstaatsanwaltschaft einen Abschuss durch Terroristen aus. Eine der möglichen Versionen sind Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften. Aufschluss erhofft man sich von den Flugschreibern, am Samstagabend wurde auch der zweite geborgen.

Nach Angaben der amtlichen russischen Nachrichtenagentur TASS ist die Unglücksmaschine seit Mai 1997 in Betrieb und wechselte mehrmals den Besitzer. Erster Eigentümer war die libanesische MEA, von der kaufte sie die türkische Onur Air, von dieser dann der Staatscarrier Saudi Arabian Airlines, danach stand sie in Diensten der syrischen Cham Wings Airline. 2012 wurde sie von der russischen Fluggesellschaft Kogalymavia übernommen. sie hat ihren Sitz in Westsibirien und wird vor allem von Reiseveranstaltern für Ferienflüge gechartert.

Die Regierung in Moskau bildete eine Sonderkommission unter Leitung von Verkehrsminister Maxim Sokolow, der am Samstag zum Ort der Katastrophe flog. (mit AFP und dpa)

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