Politik : Nach dem Ende der israelischen Besatzung fehlen der Hisbollah die Ziele

Birgit Cerha

"Wir erheben unsere Flaggen, während wir ihre (die israelische) verbrennen", ruft ein Kommandant der libanesischen Guerillaorganisation "Hisbollah" im Freudentaumel. "Ihre Soldaten verstecken sich in Bunkern, die sich zu ihren Gräbern verwandeln." Die schiitische Miliz feiert Israels überstürzten Rückzug aus dem seit 22 Jahren besetzten Südlibanon als "glorreichen Sieg". Die Befreiung libanesischen Territoriums hatte die vom Iran und Syrien unterstützte Guerillagruppe zu ihrem Hauptanliegen erkoren. Durch ihren Kampf gegen die Israelis und die mit ihr verbündete libanesische Miliz, die "Südlibanesische Armee""(SLA) hat sich Hisbollah ("Partei Gottes") im Laufe der Jahre Achtung selbst in nicht-schiitischen Bevölkerungskreisen erworben. Nun, da das Ziel fast erreicht ist, stehen die "Gotteskrieger" auf dem Höhepunkt ihrer Popularität. Doch noch nie war ihre Zukunft so ungewiß. Wenn die letzten Israelis den letzten Zentimeter libanesischen Bodens verlassen haben, werden die Guerillas dann auch ihre Gönner Syrien und Iran verlieren?

Noch freilich ist dieser Zeitpunkt nicht gekommen. Schon sind Gründe zur Fortsetzung des Kampfes gefunden: Da sind die Bauernsiedlungen von Schebaa im Grenzgebiet zwischen Syrien, Israel und Libanon, die die israelischen Soldaten nicht räumen wollen. Hisbollah-Chef Nasrallah hat sie bereits zum Ziel weiterer Widerstandsoperationen erklärt. Da sind von Israel festgehaltene Libanesen, wie Hisbollah-Führer Abu Ali Dirani oder Scheich Abdel Karim Obeid, deren Freilassung die Organisation fordert. Und da sind die Kollaborateure mit Israel, die SLA, denen Hisbollah-Chef Nasrallah droht: Wer sich nicht den libanesischen Behörden ergibt, "bei Gott, wir werden in eure Häuser eindringen und euch in euren Betten abschlachten".

Auf eine klare Strategie nach Israels Abzug hat sich Hisbollah, die 1982 vom iranischen Revolutionsführer Chomeini unter anderem mit dem Ziel aus der Taufe gehoben wurde, "Jerusalem aus den Klauen der Zionisten" zu befreien, nie festgelegt. Natürlich sei der Kampf nicht zu Ende, stellen führende Repräsentanten fest, solange die syrischen Golanhöhen nicht befreit, solange die Palästinenser nicht ihre Rechte erhalten hätten. Doch wenn deren Chef Arafat Konzessionen mache, "können wir nichts tun".

Daß Hisbollah in Zukunft israelische Ortschaften jenseits der Grenze attackiert, erscheint zweifelhaft. Massive israelische Gegenschläge wären dann gewiß, unter denen libanesischen Zivilisten leiden würden. "Hisbollah hat in den vergangenen Jahren großes Augenmerk auf die Stimmung im Volk gelegt", analysiert ein Beiruter Politologe. Wenn die Libanesen den Eindruck gewinnen, daß die "Gotteskrieger" unnötig Gewalt provozieren, werden sie sehr rasch an Populairtät verlieren.

Seit ihrer Geburt 1982 hat sich die "Partei Gottes" von einer der gefährlichsten Terrororganisationen entscheidend gemäßigt. In den frühen 80er Jahren hatte sie durch ihre - offiziell geleugnete - Beteiligung am Bombenterror gegen die Hauptquartiere der amerikanischen und französischen Friedenstruppen im Libanon sowie der Entführung Dutzender Ausländer Schrecken verbreitet. Sie versuchte im Libanon eine islamische Republik aufzubauen. Doch je brutaler sie die Libanesen zu islamischem Purismus zwang, desto mehr verlor sie an Sympathie. So begann sie sich den sozialen Nöten der Menschen zu widmen und wob - nicht zuletzt dank iranischer Finanzhilfe - ein weites Sozial- und Bildungsnetz, das unzähligen Libanesen ein besseres Leben ermöglicht. Im Südlibanon betreibt sie intensiv den Wideraufbau von Israel zerstörter Häuser. Die Organisation gewann damit große Sympathie.

Seit einigen Jahren hat sich Hisbollah auf die Zeit nach Israels Abzug vorbereitet. Das neue Ziel ist die Eroberung des libanesischen Staates auf politischem Wege. Derzeit verfügt sie über sieben Sitze im 128-köpfigen Parlament und hofft, ihre Mandatszahl bei den Neuwahlen im Sommer auszubauen. Das Ziel einer islamischen Republik hat die Führung längst aufgegeben. Wie Irans Präsident Chatami, setzt sich Hisbollah heute für einen "Dialog der Zivilisationen" ein. Hisbollah weiß, wenn sie sich nicht den Wünschen der Libanesen anpaßt, ist sie dem Untergang geweiht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar