Nach dem EU-Türkei-Abkommen : Noch keine alternativen Fluchtrouten

Die Balkanroute ist blockiert, Flüchtlinge aus Griechenland werden in die Türkei zurückgebracht. Suchen Sie sich jetzt neue Wege in die EU?

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Gestrandet in Griechenland. Diese Pakistaner und Afghanen wollen über die Insel Lesbos nach Europa.
Gestrandet in Griechenland. Diese Pakistaner und Afghanen wollen über die Insel Lesbos nach Europa.Foto: dpa

Die neue Praxis im Umgang mit Flüchtlingen in Griechenland und der Türkei und die damit verbundene Blockade der sogenannten Balkanroute haben offenbar noch keine Auswirkungen auf mögliche Alternativrouten. „Wir sehen bisher nicht, dass Flüchtlinge aus den Bürgerkriegsregionen im Nahen Osten nun wieder verstärkt versuchen, über Libyen nach Italien zu gelangen“, sagte ein Sprecher der Internationalen Migrationsorganisation (IOM) am Donnerstag dem Tagesspiegel. Die IOM hat Büros in den meisten aktuellen Transitländern von Schutzsuchenden, die auf dem Weg nach Europa sind. Die Organisation bietet Flüchtlingen konkrete Hilfe an und dokumentiert die aktuellen Flüchtlingszahlen.

Die sogenannte zentrale Mittelmeerroute über Libyen und Italien war bis zum Sommer 2015 die Hauptroute für Flüchtlinge mit Ziel EU. Nach dem Untergang mehrerer Boote auf dieser Strecke und angesichts des Bürgerkrieges in Libyen orientierten sich aber vor allem Syrer, Iraker, Afghanen, Pakistaner und Iraner neu und versuchten seither, von der Türkei aus nach Griechenland überzusetzen. Fast 850 000 Flüchtlinge zählte die IOM hier 2015, gut 152 000 in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres – etwa so viele, wie im gesamten vergangenen Jahr Italien erreichten.

Noch ist es in Italien ruhig

2016 kamen nach Angaben der IOM bisher fast 19 300 Flüchtlinge in Italien an. Im März waren es mit mehr als 9600 zwar deutlich mehr als in den beiden Vormonaten, doch laut IOM sind dies wetterbedingte Schwankungen. In den letzten Monaten des abgelaufenen Jahres habe es ähnliche Schwankungen gegeben, so der Sprecher. Insgesamt seien im ersten Quartal 2016 rund 1500 weniger Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Italien gelangt als im letzten Quartal 2015. Syrische Flüchtlinge sind kaum darunter. „Vor allem können wir bisher nicht beobachten, dass Flüchtlinge, die schon in der Türkei waren, um von dort nach Griechenland zu gelangen, nun in Richtung Nordafrika aufbrechen“, sagte der Sprecher. Die allermeisten Flüchtlinge, die über Libyen nach Europa kommen, sind laut IOM Afrikaner. Hauptherkunftsländer sind demnach Somalia, Gambia, Senegal, Mali und Nigeria. „Für Flüchtlinge aus diesen Staaten war die Libyenroute immer die erste Wahl“, erläuterte der Sprecher. Entwicklungsminister Gerd Müller geht davon aus, dass derzeit rund 200.000 Afrikaner in Libyen auf eine Überfahrt nach Deutschland warten. Das sagte er der "Rheinischen Post".

Verlagerung der Routen bleibt eine Option

Mittelfristig hält die IOM eine erneute Verlagerung der Flüchtlingsrouten auch für andere Flüchtlinge für denkbar. Neben der Überfahrt von Libyen nach Italien könnten Flüchtlinge versuchen, von der Türkei aus über Bulgarien in die EU zu gelangen, so der Sprecher. Wegen des Bürgerkriegs in Libyen könnten zudem auch andere Länder in Nordafrika zu Anlaufstellen werden – auch für Afrikaner. In Libyen wurden Anfang April fünf Afrikaner von Wärtern eines Haftlagers für Flüchtlinge erschossen. Viele weitere erlitten Verletzungen. Die IOM forderte Ermittlungen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte mit Blick auf eine Wiederbelebung der zentralen Mittelmeerroute am Wochenende angekündigt, auch mit nordafrikanischen Ländern Rücknahmeabkommen verhandeln zu wollen. „Sollten wieder mehr Menschen über diese Route kommen, werden wir ähnliche Lösungen wie mit der Türkei suchen und darüber dann auch Verhandlungen mit den Ländern im Norden Afrikas aufnehmen müssen“, sagte de Maizière dem Tagesspiegel. Denkbar sei beispielsweise, in Nordafrika Aufnahmezentren für Flüchtlinge aus Italien einzurichten, erläuterte der Minister. Im Gegenzug könne eine humanitäre Aufnahme von Flüchtlingen aus dem betreffenden nordafrikanischen Land erwogen werden. „Bis dahin sind aber noch dicke Bretter zu bohren“, sagte de Maizière.

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