Politik : Nach dem Geiseldrama: Vielleicht nächste Woche zur Expo

Reimar Paul

Als die Familie Wallert am Mittwochmorgen ihr Haus verlässt und nach Hamburg aufbricht, um sich dort von Johannes Baptist Kerner für dessen ZDF-Show befragen zu lassen, drücken nur noch ein paar übermüdete Fotografen auf den Auslöser. Viele Agenturen und Zeitungen haben ihre Reporter aus dem Mittelbergring im Göttinger Vorort Geismar in der Nacht abgezogen. Auch die meisten Fernsehsender mit ihren Übertragungswagen und Kamerateams sind wieder verschwunden.

Zwölf Stunden vorher hat es ganz anders ausgesehen. Rund 120 Journalisten belagern das Wohnhaus der Wallerts und berichten über die Rückkehr von Sohn Marc nach Göttingen. Anders als bei der Ankunft der Eltern Renate und Werner Wallert, sind Nachbarn und Freunde an diesem Dienstag kaum zugegen.

Das Klima unter den Medienleuten ist außerordentlich ruppig, auch das war vorher nicht so. Es wird gedrückt und gedrängelt, Kameramänner verschaffen sich in rüdem Ton und mit teilweise heftigem Körpereinsatz freie Sicht auf den Wallertschen Vorgarten. Der Fotograf eines Wochenmagazins droht sogar, er "bringe jeden um", der sich unaufgefordert vor seiner Linse aufhält, und es klingt gar nicht wie ein Witz.

Die Hektik nimmt noch zu, als kurz vor 21 Uhr der rote, von der Göttinger Polizei gestellte Kleinbus mit den Wallerts und Niedersachsens Wissenschaftsminister Thomas Oppermann an Bord in die schmale Straße einbiegt. Beim Aussteigen schlägt Marc Wallert angesichts des medialen Großaufgebots die Hand vor die Augen. "Das ist ja verrückt", ruft er, "so habe ich den Mittelbergring noch nie gesehen." Sein Bruder und seine Eltern hätten ihn zwar auf den Presserummel vorbereitet, mit solch einem Interesse "habe ich aber nicht gerechnet".

Gleichwohl wirkt der 27-Jährige locker und entspannt, als er vor die Mikrofone tritt und die Journalisten mit "Hallo" begrüßt. Gesundheitlich gehe es ihm gut, sagt er auf eine Fage, auch psychologische Betreuung will er vorerst nicht in Anspruch nehmen. Während der Geiselhaft haben ihm am meisten die Briefe geholfen, die er geschrieben und empfangen hat. Briefe von Freunden, aber auch von Menschen, die er gar nicht kannte. Selbst Zeitungen und Pakete kamen ab und zu im Lager an.

Hat er sich in den fast fünf Monaten verändert? "Ich bin vielleicht geduldiger geworden", sagt Marc Wallert. Klar, die Lage sei schwierig gewesen, doch die Abu Sayaf-Rebellen hätten ihre Gefangenen "nicht bewusst gequält". Die Berichte über Vergewaltigungen der festgehaltenen Frauen, die noch am Vormittag unter Berufung auf eine finnische Ex-Geisel verbreitet wurden, seien falsch. Den Kontakt mit den früheren Mitgefangenen will Wallert aufrecht erhalten, "in gewisser Weise sind wir ja aneinander gewachsen".

Das Schönste für ihn sei jetzt nach Hause zu kommen, die Tür zu seinem alten Kinderzimmer zumachen zu können, ungestört mit der Familie zu reden. Die Rückkehr in den Alltag stellt Marc Wallert sich schwierig vor, und er will sich dafür auch mehr Zeit nehmen als sein Vater, der wenige Tage nach der Rückkehr schon wieder am Göttinger Theodor-Heuss-Gymnasium unterrichtet hat.

Das Gymnasium, an dem Marc sein Abitur machte und als Schlagzeuger in der Schulband trommelte, und die evangelische Stephanus-Kirchengemeinde planen in den kommenden Tagen Begrüßungsfeiern für die Wallerts. Die Stadt Göttingen hatte die Familie bereits für Mittwochnachmittag zu einem Empfang gebeten.

Abgesehen von diesen Einladungen und den Interviewverpflichtungen hat Marc Wallert für die komenden Tage noch keine konkreten Pläne. Zu seiner alten Arbeitsstelle in einer Unternehmensberatungsfirma in Luxemburg, wo er vor dem Tauchurlaub und der Geiselhaft ein paar Monate jobbte, möchte er nicht zurück. Nicht gleich jedenfalls. Vielleicht fährt er nächste Woche mal zur Expo nach Hannover. Die soll ja, hat er gehört, "super sein".

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