Nach dem Hurrikan : US-Medien sprechen von "Katrinagate"

Wohl seit Jahrzehnten nicht mehr sind die US-Medien in den USA so gnadenlos mit ihrem Präsidenten und dem gigantischen Washingtoner Behördenapparat umgegangen wie in diesen Tagen. Die Reporter treibt angesichts der Katastrophe die blanke Wut.

Washington (06.08.2005, 14:59 Uhr) - «Herr Gott noch mal, seid ihr denn blind?« schreit eine Frau den Chef der Washingtoner Behörde für Katastrophenschutz, Michael Brown, an. «Ihr klopft euch gegenseitig auf die Schulter, während hier die Menschen sterben.» Die Frau ist kein Hurrikan-Opfer, sie ist eine Reporterin des US-Fernsehsenders MSNBC. So sehr hat sie das Elend getroffen, dass sie sich nicht mehr zurückhalten kann. Und nicht nur sie.

Die ersten US-Medien sprechen von «Katrinagate», der größten Herausforderung für das gesamte politische Establishment seit der Watergate-Affäre in den siebziger Jahren um Richard Nixon. Auch jetzt, da die Hilfsmaßnahmen auf breiter Front angelaufen sind und die Flut in New Orleans zurückgeht, hält die Kritik an den Versäumnissen der Regierung an - denen bei der Vorbereitung auf die Katastrophe und danach.

Aber es ist weitaus mehr als ein distanziertes Urteil: Noch nie zuvor, so meinen viele Beobachter, sind US-Reporter so direkt, so emotional selbst zu wütenden Anklägern geworden. Sie erzählen nicht nur eine Geschichte, sondern sie sind selbst ein Teil davon geworden. «Hat "Katrina" die US-Medien gerettet?» fragt vor diesem Hintergrund Matt Wells von den britischen BBC News, der eine möglicherweise historische Wende in der Washingtoner Journaille wittert.

Viele der Medienvertreter, die bundespolitische Themen coverten, insbesondere die Moderatoren am Schreibtisch, seien selbst Teil des Establishments, meint er. «Sie wohnen in denselben Vororten, gehen zu denselben Partys (wie die Politiker). Ihre Fernsehgesellschaften sind im Besitz großer Unternehmen, die für Wahlkämpfe spenden...» Dies sei ein «perfektes Rezept» für eine ängstliche, selbstbeschränkende Berichterstattung. «Aber das ist seit letzter Woche vorbei...»

Tatsächlich: War die Washingtoner Reaktion auf «Katrina» langsam, so auch die der Medien. Bis Freitag hatten die Reporter vor Ort selbst große Mühe, das Ausmaß des Elends, des Todes zu erfassen. Gewohnt, auch vergleichweise harmlose Stürme zu stundenlangen Programmfüllern zu machen, sich mit wehenden Haaren und flatternden Südwestern scheinbar heldenhaft der Wut von Stürmen auszusetzen, die im Vergleich zu «Katrina» eher ein Säuseln waren, kam nun für sie der «Big One». Fassungslos, erst langsam begreifend, stolperten vor allem die Fernsehreporter durch die ersten Stunden der Berichterstattung.

Dann kamen die Emotionen. Eine CNN-Reporterin brach in Tränen aus, konnte nur mühsam sprechen, als sie über die nach Hilfe schreienden Menschen auf den Dächern in Louisiana berichtete. Auch andere Journalisten schilderten, was sie sahen, mit gebrochener Stimme. Dann rollte die Welle der Washingtoner Behördenvertreter an und damit der Pressekonferenzen, auf denen der eine Politiker dem anderen dankte - für den großartigen unermüdlichen Einsatz. Und damit kam die Wut.

«Dies ist nicht Irak, dies ist nicht Somalia, dies ist unsere Heimat», rief ein NBC-Fernsehreporter aus. Ein normalerweise stoisch-ruhiger ABC-Moderator, Ted Koppel, fährt Michael Brown in einem Interview direkt an, weil dieser keine Angaben über die Zahl der Flüchtlinge im Convention Center in New Orleans machen kann. «Schaut ihr Leute euch denn kein Fernsehen an?» wettert der Fernsehveteran. «Hört ihr Leute denn niemals Radio? Unsere Reporter haben darüber (die Flüchtlinge) schon länger als heute berichtet.» Eine CNN-Vertreterin geht ebenfalls mit Brown direkt ins Gericht. «Wie ist es möglich, dass wir bessere Informationen habt als ihr? Warum wird keine Verpflegung abgeworfen? In Banda Aceh, in Indonesien, haben sie das zwei Tage nach dem Tsunami getan.»

Einem anderen CNN-Reporter platzt vor laufenden Kameras der Kragen, als Senatorin Mary Landrieu in einem Interview lobend auf ein vom Kongress verabschiedetes Hilfspaket verweist. «Entschuldigen Sie, Senatorin», funkt er dazwischen, «es tut mir Leid, wenn ich Sie unterbreche. Ich habe davon noch nichts gehört, weil ich in den letzten vier Tagen damit beschäftigt war, Tote hier auf den Straßen zu sehen. Und wenn ich höre, wie der eine Politiker hier den anderen beglückwünscht...Da war gestern eine Leiche auf der Straße, die von den Ratten angefressen wurde, weil der Körper schon seit 48 Stunden dort lag...»

Wenn bei Präsident George W. Bush da noch nicht die Alarmglocken schrillten, so wohl spätestens dann, als auch der ihm sonst so wohl gesonnene Sender Fox News Zeichen von Abtrünnigkeit zeigte. Als einer seiner Reporter mit dem Hinweis auf die Gefahren durch Plünderer auf einen anderen Platz verwiesen wurde, sagte er spitz ins Mikrofon: «Diese Leute sind verzweifelt. Warum sollten sie nicht versuchen, Wasser und Essen von uns zu stehlen?» (Von Gabriele Chwallek, dpa)

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