Nach dem Krieg im Kaukasus : Die unsichere Grenze von Südossetien

Zwei Jahre nach dem Georgien-Krieg warten noch immer 30.000 Flüchtlinge auf eine Rückkehr.

Birgit Wetzel[Tiflis]

An einer Landstraße mitten in Georgien, rund eine Stunde entfernt von der Hauptstadt Tiflis, stehen Autos, Eselskarren und Pferdegespanne am Straßenrand. Unter einem Baum sitzen schwarz gekleidete Männer und Frauen und verkaufen Gemüse: Die dicken Tomaten leuchten rot aus den Holzkisten. Das Land hier, beim Dorf Arukhla, ist fruchtbar. Eine Herde Schafe zieht über die weiten Ebenen. Irgendwo dort verläuft die Grenze nach Südossetien. Wo genau, weiß keiner. Doch wer sie überquert, kann schnell zu Tode kommen.

„Es wäre gut, wenn beide Seiten ein einigermaßen kongruentes Verständnis davon hätten, wo die administrative Grenze verläuft“, sagt Hansjörg Haber, Chef der EU-Beobachter in Georgien. Doch geeinigt hat man sich bisher nicht. Zwei Jahre ist es her, seit Georgien und Russland gegeneinander Krieg führten. Damals trat die EU als Vermittler auf. Sie erreichte zwar, dass die Waffen ruhten. Doch echte Ruhe in der Region gibt es keineswegs.

Das gefährdet die Menschen in der Region, aber auch die Bemühungen der Europäer um eine diversifizierte, von Russland weniger abhängige Energieversorgung: Seit vier Jahren fließen Öl und Gas aus dem Kaspischen Raum über Aserbaidschan und Georgien gen Westen. Über mehrere Kilometer strömen sie jetzt unter dem Gebiet hindurch, wo Russen und Osseten das Sagen haben.

„Wir haben kein Problem mit den Osseten, wir haben ein Problem mit Russland“, sagt ein junger Mann in Tiflis. So wie er sehen es viele der 30 000 Flüchtlinge, die arbeits- und perspektivlos in ganz Georgien verteilt leben. Eine von ihnen ist Eka. Zusammen mit ihrem Mann, ihren fünf erwachsenen Kindern und zwei Enkelkindern hat es sie in ein kleines Dorf bei Bolnisi, ganz im Osten des Landes, verschlagen. „Wir haben ein Dach über dem Kopf, und das ist gut so“ sagt sie, „aber sonst haben wir nichts mehr.“ Die Großfamilie lebt auf engstem Raum. Jetzt will der Sohn heiraten, aber es gibt keine Wohnung weit und breit.

Die EU-Beobachterin Ulla Harkonen aus Finnland notiert die Lage. Sie und ihre Kollegen sind im ganzen Land unterwegs, dokumentieren alles, was sich verändert. Sie kümmern sich ebenso um die Anliegen der Flüchtlinge wie um Vorfälle an den administrativen Grenzen zu Südossetien und Abchasien – im vergangenen Sommer etwa wurde ein Schäfer erschossen, der ein verlorenes Schaf verfolgte und dabei versehentlich die Grenze überschritt.

Weil der Winter naht, fragt die EU-Beobachterin, ob die Flüchtlinge darauf vorbereitet sind. Können sie ihr Quartier heizen, haben sie genug Wasser und Lebensmittel, haben sie Geld, um das Nötigste zu kaufen? Nein, und immer wieder nein hört sie als Antwort. Eine neue Gasleitung gibt es zwar, eine Wasserleitung aber fehlt; Trinkwasser fließt bloß aus kleinen Tanks. Man könnte Gemüse anbauen, wäre nur Wasser da. Lebensmittel gab es bis vor zwei, drei Monaten über internationale Hilfsorganisationen, doch das ist vorbei. Ab und zu bekommen die Flüchtlinge Lebensmittel von Dorfbewohnern, hin und wieder kommen Hilfslieferungen aus Aserbaidschan. „Das Geld, das man uns gibt, reicht gerade für Mehl“, seufzt Eka.

„Wir kommen schon irgendwie durch“, meint Kacha neben ihr, ein großer, schlanker Mann, den die Hausbewohner zum Sprecher ernannt haben. „Das Schlimme ist, wir haben keine Perspektive. Irgendetwas möchte ich tun. Seit zwei Jahren sitzen wir hier nur rum.“ Die Flüchtlinge bräuchten unbedingt Unterstützung, sagt Harkonen. Aber viel tun kann sie nicht, „nur zuhören, zuhören“, sagt sie. „Das ist nicht einfach. Ihre Erwartungen steigen.“

Ein paar Kilometer sind es bis Kora, zu einer ehemaligen Kaserne, wo jetzt 1650 Bewohner aus dem Umland von Zchinwali, der Hauptstadt Südossetiens, in nur 10 Wohnblocks hausen. Vor den Häusern, unter den Bäumen, sitzen Gruppen von Männern und Frauen. Unter ihnen ist auch Margalita, 87 Jahre alt, in Filzpantoffeln, einer dicken Wolljacke und einem langen Rock. Ihre hellblauen, wachen Augen funkeln, als sie stolz erzählt: „Als die Bomben fielen und alles brannte, da wollte ich als Einzige nicht weglaufen.“ Aber dann musste sie sich doch vor den Flammen retten. Und so lief sie und lief, bis sie Tiflis zu Fuß erreicht hatte. „Jetzt sind wir alle gleich“ sagt sie, „die Armen und die Reichen, die Faulen und die Fleißigen“.

Zwischen den Häusern spielen die Kinder Fußball. Die Eltern stehen nebenan im kleinen Laden und träumen von einer besseren Zukunft. „Wir haben hier Strom, Wasser, Gas“, sagt eine, „und ein Dach über dem Kopf. Aber sonst nichts!“ Zu Hause ist alles verbrannt, das ganze Dorf verschwunden. „Aber das ist nicht so schlimm“, sagt eine andere, „wenn wir nur Grund und Boden wiederbekommen. Wir haben dort gut gelebt. Wir hatten alles. Jetzt müssen wir sogar Kräuter kaufen.“ Und dann bittet sie: „Mach etwas, damit wir wieder nach Hause können!“

Haber signalisiert wenig Hoffnung. „Die meisten Flüchtlinge wissen, dass es für sie sehr wenig Chancen gibt, bald zurückzukehren“, stellt der EU-Spitzendiplomat fest. „Unser Mandat gilt für ganz Georgien, also auch für Südossetien und für Abchasien“, sagt Haber. Das sehen Russland und die von Moskau als Staaten anerkannten Regionen Abchasien und Südossetien natürlich anders. Sie untersagen sowohl den Vertriebenen als auch den internationalen Beobachtern den Zutritt.

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