• Nach dem "Kursk"-Desaster: In alter KGB-Manier: Unzensierte Bilder zeigen, wie Moskau die Kritik immer noch zu unterdrücken sucht

Politik : Nach dem "Kursk"-Desaster: In alter KGB-Manier: Unzensierte Bilder zeigen, wie Moskau die Kritik immer noch zu unterdrücken sucht

Alexander Loesch

Das "neue Russland" ist das alte. Zumindest, was das Denken der Militärs angeht. Das zeigt in diesen Tagen mehr als deutlich die Art und Weise, wie der Machtapparat mit den Folgen der "Kursk"-Katastrophe umgeht. Die menschliche Tragödie, das Leiden der Angehörigen der bei dem Untergang des Atom-U-Bootes in der Barentssee getöten 118-köpfigen Besatzung, all das passt nicht ins offizielle Bild. Die paranoide Geheimnistuerei und Vertuschungsversuche prägen den Gesamteindruck von der Moskauer (Des-)Informationspolitik. Die Berichterstattung aus dem hohen Norden - von der Unglückstelle auf See, aus Murmansk und den "geschlossenen Städten" noch weiter nördlich, wo die Marineangehörigen aus der "Kursk" mit ihren Familien lebten - wird dem gelenkten Staatsfernsehen überlassen und damit zensiert.

All das erinnert an alte Sowjetzeiten. Das Land hat sich seit der (halbherzigen) Wende vor neun Jahren aber trotzdem verändert. Es gibt eine offenere Gesellschaft mit einer Öffentlichkeit, die sich nicht mehr so leicht manipulieren lässt. Und trotz der staatlich gesteuerten Berichte rutschen ab und an selbst im Falle der Folgen der "Kursk"-Tragödie Informationen durch, die ein Sowjetzensor nie zugelassen hätte. Die offizielle Reaktion auf solche Vorkommnisse ist freilich wie in den alten Zeiten: Der Überbringer der schlechten Nachricht wird diffamiert. So war es etwa mit der ersten Begegnung des stellvertretenden russischen Ministerpräsidenten Ilja Klebanow mit den Hinterbliebenen der getöteten Seeleute in Murmansk, wo er Ende voroger Woche Rede und Antwort stehen musste. Als eine aufgebrachte Mutter schrie, dass ihr Sohn in einer "Blechbüchse" umkam, wo er für einen Hungerlohn hätte schuften müssen, wurde sie von Uniformierten weggezerrt und mit einer gewaltsam verabreichten Spritze ruhiggestellt. Diese Fernsehbilder gingen um die Welt.

Präsident Wladimir Putin reagiert auf solche "Pannen" und vor allem auf die Kritik der unabhängigen Medien und der russichen Opposition an seinem eigenem Verhalten während der "Kursk"-Krise mit versteckten Drohungen - in der unrühmlichen Tradition seiner KGB-Vergangenheit: Finstere Kräfte versuchten die U-Boot-Katastrophe für ihre Ziele zu missbrauchen. Und auch die Berichterstattung über Putins Besuch bei den Hinterbliebenen in Wedjajewo, jener trostlosen Plattenbausiedlung nördlich von Murmansk, sollte am Dienstag offensichtlich in alter KGB-Manier ablaufen. Nicht einmal das Staatsfernsehen RTR war zugelassen. Ausschließlich der Kameramann Putins sollte für störfreie Bilder sorgen. Doch in diesem Falle hat das ARD der Kreml-Regie einen Strich durch die Rechnung gemacht: Wie der Tagesspiegel aus der Tagesschau-Redaktion erfuhr, hatte eine Hinterbliebene vorgeschlagen, mit einer Videokamera die Begegnung selbst zu dokumentieren. Diese unzensierten Aufnahmen des offensichtlich turbulenten Treffens mit Putin erreichten dann doch die Öffentlichkeit. Nach den Erfahrungen aus Murmansk, wo die klagende Mutter in bester KGB-Tradition mit einer Spritze "abgeschaltet" wurde, stellt sich aber die Frage, wie lange der Putin-Staat solche unabhängigen Informanten noch ohne Vergeltung dulden wird.

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