Nach dem Massaker in Oregon : Beten, trauern und zur Tagesordnung übergehen

„Der einzige Weg, einen bösen Typen mit einer Waffe zu stoppen, ist ein guter Typ mit einer Waffe.“ Zu viele Amerikaner glauben, dass das stimmt. An dieser Logik prallt sämtliche Vernunft ab. Ein Kommentar.

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Beten, trauern - und dann wieder zur Tagesordnung zurück?
Beten, trauern - und dann wieder zur Tagesordnung zurück?Foto: AFP

Vielleicht reicht es nicht. Vielleicht sind 142 Schießereien an US-Schulen seit 2012 nicht genug. Vielleicht schadet es den Republikanern und Aktivisten der „National Rifle Association“ (NRA) nicht, wenn sie sagen: „Der einzige Weg, einen bösen Typen mit einer Waffe zu stoppen, ist ein guter Typ mit einer Waffe.“ Zu viele Amerikaner glauben, dass das stimmt. Sie wollen es glauben, weil das Recht auf Waffenbesitz von der Verfassung garantiert wird und die Verfassung als ein in Stein gemeißeltes Werk gilt. An dieser Logik prallt sämtliche Vernunft ab.

Das weiß auch Barack Obama, der zwischen Wut und Frust pendelte, als er wieder einmal nach einem Massaker dem Land Trost spenden sollte. Die Vereinigten Staaten seien das einzige fortschrittliche Land der Erde, „das diese Massen-Schießereien alle paar Monate erlebe“, sagte er. Nach Daten des Pew-Centers sind in den USA rund 300 Millionen Waffen im Umlauf.

Der Täter? Ein scheuer, introvertierter, schweigsamer, mit seiner sozialen Isolation hadernder Waffennarr, der es angeblich gezielt auf Christen abgesehen hatte. Die Opfer? Fünf Frauen und vier Männer zwischen 18 und 67 Jahren, die einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen waren. Und die Amerikaner? Sie werden beten, trauern und dann zur Tagesordnung übergehen. Denn so, wie die Waffenlobby jede Debatte über mögliche Konsequenzen zu verhindern versucht, will auch kaum einer den Zusammenhang zwischen psychischer Labilität, faktischer Isolation und verstärkenden Effekten der Isolation durch das Internet thematisieren. Die sozialen Netzwerke gaukeln ja oft ein soziales Leben nur vor. Mit fremden Menschen zu chatten, hebt die Erfahrung der Einsamkeit nicht automatisch auf. Ist es möglich, dass bestimmte Formen der Internet-Kommunikation wie sie auch der Massenmörder von Roseburg betrieben hatte, eine radikalisierende Wirkung haben? Wirklich verstehen lassen sich Massaker dieser Art nicht. Um so wichtiger ist es, alle Faktoren, die dazu beitragen könnten, offen zu diskutieren.

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