Nach dem Referendum : Große Mehrheit für Autonomie in Bolivien

Beim Machtkampf in Bolivien um die Neuverteilung des nationalen Reichtums hat ersten Auszählungen zufolge die große Mehrheit der Bevölkerung für mehr Autonomie für die wohlhabende Region Santa Cruz gestimmt. Für Präsident Morales ein "völliger Misserfolg".

Santa Cruz/La Paz Die Autonomiebewegung in der bolivianischen Region Santa Cruz hat bei dem Referendum am Sonntag etwa 82 Prozent der abgegebenen Stimmen erhalten. Dies gab das regionale Wahlgericht nach Auszählung von etwa einem fünftel der Stimmen bekannt. Während in der gleichnamigen Regionalhauptstadt tausende Menschen ausgelassen ihren Sieg feierten, bezeichnete der linksgerichtete Präsident Evo Morales die Abstimmung als "völligen Misserfolg".

Wer die 39 Prozent Nichtwähler, die Nein-Stimmen und die ungültigen Stimmen zusammenzähle, komme auf 50 Prozent der Wahlberechtigten, die nicht für die Autonomie gestimmt hätten, sagte der erste Indio-Präsident in der Geschichte des Landes. Zudem sei die Abstimmung von Gewalt und Berichten über Wahlfälschung überschattet worden. Offizielle Ergebnisse lagen zunächst nicht vor.

"Der Marxismus ist gescheitert"

Der Präfekt von Santa Cruz, Ruben Costas, sprach hingegen von einem Triumph der Demokratie. "Der Marxismus ist gescheitert", sagte er unter Anspielung auf das sozialistische Gesellschaftsmodell, das Morales verfolgt.

Morales hatte die Abstimmung schon zuvor für verfassungswidrig und das Ergebnis als irrelevant bezeichnet. Sollte die Autonomiebewegung jedoch auch die geplanten Referenden in drei weiteren Departements in den kommenden Wochen gewinnen, dürfte es der Regierung nach Einschätzung von Beobachtern in La Paz schwer fallen, die Ergebnisse zu ignorieren.

Gewalttätige Ausschreitungen

Das Referendum wurde von gewalttätigen Ausschreitungen mit einem Toten und mindestens 24 Verletzten begleitet. Ein älterer Mann starb an den Folgen von Tränengas, das gegen Demonstranten eingesetzt worden war. Zunächst war von einer Frau die Rede gewesen. Ein Reporter der Deutschen Presse-Agentur dpa wurde zusammen mit einem Kollegen von Sicherheitskräften im Pressezentrum in Santa Cruz geschlagen und bedroht, als er ein Mitglied der Morales-Partei "Bewegung zum Sozialismus" (MAS) interviewen wollte. "Ich mach' dich fertig", sagte der Angreifer.

Die schwersten Auseinandersetzungen gab es in dem Armenviertel Plan 3000 der Regionalhauptstadt. "Das waren Mitglieder der (rechten) Union Juvenil Cruceñista", sagte einer der Verletzten, Laureano Rosa Fernández, mit Blut im Gesicht. Journalisten entkamen nur knapp dem Steinhagel der verfeindeten Seiten.

Verarmte Indio-Mehrheit gegen europäischstämmige Einwanderer

Das Referendum ist Teil des seit dem Wahlsieg von Morales Ende 2005 ausgefochtenen Machtkampfes um eine Neuverteilung des nationalen Reichtums zwischen der verarmten Indio-Mehrheit im Westen des Landes und den reicheren, von europäischstämmigen Einwanderern dominierten Landesteilen im Osten. Die Streitkräfte warnten, das Referendum ungesetzlich und gefährde die nationale Einheit.

Ende vergangenen Jahres hatte sich der Konflikt durch die von Morales betriebene Ausarbeitung einer neuen Verfassung entscheidend verschärft. Morales ließ die kompromisslose Opposition kurzerhand aus der Verfassunggebenden Versammlung aussperren und dann über die Annahme des Entwurfs mit der eigenen Mehrheit abstimmen. (jam/dpa)

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