Nach dem Rücktritt von Tillich : Michael Kretschmer - wer ist der Neue in Sachsen?

Nach dem Rücktritt von Ministerpräsident Stanislaw Tillich soll Sachsens CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer sein Nachfolger werden. Ein Portrait.

Gunnar Saft
Michael Kretschmer, Generalsekretär der CDU Sachsen, soll Ministerpräsident von Sachsen werden.
Michael Kretschmer, Generalsekretär der CDU Sachsen, soll Ministerpräsident von Sachsen werden.Foto: dpa

Am Anfang war oft noch etwas Spott. So war in der sächsischen CDU zunächst häufig vom „Pumuckl“ die Rede, wenn es um den 2002 erstmals in den Bundestag gewählten Görlitzer Wahlkreisabgeordneten Michael Kretschmer ging. Der war damals 27 und das Haar schimmerte leicht rötlich.

Der Spitzname blieb, doch der spöttische Unterton verschwand. Denn Kretschmer gelang, was vielen Politikerkollegen versagt bleibt: Trotz seiner Jugend verschaffte sich der gelernte Informationselektroniker, der danach erfolgreich ein Ingenieursstudium abschloss, erst in Berlin Gehör und damit auch immer mehr Respekt im eigenen Bundesland.

Kretschmer, Generalsekretär von Sachsens CDU, soll nun Nachfolger von Ministerpräsident Stanislaw Tillich werden, der am Mittwoch überraschend zurückgetreten ist. Die AfD war bei der Bundestagswahl stärkste Partei in Sachsen geworden und hatte die CDU auf Platz zwei verwiesen.

Kretschmer rückte bereits 2005 in der sächsischen CDU auf den zweitwichtigsten Posten auf. Der damalige Landesvorsitzende und Ministerpräsident Georg Milbradt machte den jungen Mann aus Görlitz zu seinem Generalsekretär – ein einflussreiches, aber auch ein heikles Amt, das Michael Kretschmer dennoch bis heute ununterbrochen ausübt.

Stanislaw Tillich (r), und der Generalsekretär der sächsischen Union, Michael Kretschmer (Archivbild).
Stanislaw Tillich (r), und der Generalsekretär der sächsischen Union, Michael Kretschmer (Archivbild).Foto: dpa

Denn nach Milbradt setzte auch der folgende sächsische CDU- und Regierungschef Stanislaw Tillich auf Kretschmers Fähigkeiten und sorgt nun sogar dafür, dass der mittlerweile 42-Jährige alle seine Chefs politisch beerben könnte. Eine ungewöhnliche Geschichte, deren eventuell erfolgreichen Ausgang sich Kretschmer zum Großteil selbst zuschreiben darf. Mit einem guten Mix aus Lockerheit und Kompetenz bot der Görlitzer lange Zeit ein völlig ungewohntes Bild eines sächsischen Christdemokraten. Deutlich wurde das schon mal beim öffentlichen Streit um das ideale CDU-Familienbild, das konservative Parteigrößen in Sachsen stets mit einer Ehe in Verbindung bringen. Kretschmer, zweifacher Vater, unverheiratet, aber seit vielen Jahren in einer festen Partnerschaft lebend, hielt immer trotzig dagegen.

Feines Gespür

Dazu kam sein stets feines Gespür, wie man sich persönlich am besten aus politischen Notlagen befreien kann. Ganz ohne Rückschläge schaffte es nämlich auch der ambitionierte Youngster nicht. Am brisantesten gilt bis heute die sogenannte „Sponsoring-Affäre“, bei der die sächsische CDU unter Erklärungsdruck geriet, weil sie im Gegenzug für eine finanzielle Unterstützung exklusive Treffen mit Ministerpräsident Tillich offerierte. Dazu kamen etliche Wunden, die Kretschmer als Generalsekretär zwangsläufig einstecken musste, wenn er Reibereien im Landesverband unterbinden musste. So gibt es heute das eine oder andere CDU-Mitglied, das ihm deshalb nicht mehr so wohlgesonnen ist. Allein, der Rückhalt in den eigenen Reihen blieb immer groß genug. Das liegt auch daran, dass Kretschmer zu einem Netzwerk junger sächsischer CDU-Politiker gehört, die schon früh und konsequent an ihren politischen Karrieren arbeiteten. Dazu zählt der heutige Parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion, Christian Piwarz, und der zwischenzeitliche sächsische Kultusminister Roland Wöller. Alle drei hatten schon in der Ära Milbradt selbstbewusst Ansprüche für sich als Parteinachwuchs angemeldet – und alle drei wurden früher oder später erhört und können heute aufeinander zählen.

Nicht zuletzt blieb Kretschmer auch in Berlin bis zuletzt auf der Erfolgsspur. 2009 avancierte er zu einem der stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Er war als erfolgreicher Strippenzieher und Experte in der Bundeshauptstadt anerkannt und galt dort als ein politisches Talent der Zukunft. Dass dies mit der Bundestagswahl 2017 ein jähes Ende nehmen sollte, weil sein bisheriger Görlitzer Wahlkreis an den örtlichen AfD-Kandidaten fällt, ahnte Kretschmer. Befragt nach seinen Chancen äußerte er Wochen zuvor ungewöhnlich viel Skepsis.

Wie aus einer Niederlage ein Sieg wird

Genau diese Niederlage könnte nun aber dafür sorgen, dass der CDU-Politiker einen gewaltigen Sprung nach vorn macht. Parteiintern galt es schon lange als ausgemacht, dass sich Michael Kretschmer zunächst weiter in Berlin bewährt, um nach der sächsischen Landtagswahl 2019 in die Dresdner Landesregierung zu wechseln. Dann durchaus als potenzieller Nachfolger von Stanislaw Tillich. Ein Szenario, auf das man nun viel früher zugreift. Dass Sachsens CDU kaum ernsthafte personelle Alternativen hat, ist ihr Dilemma – und Kretschmers Chance.

Tillich lobt bereits in seiner Rücktrittsrede, wie nützlich Kretschmers Berliner Kontakte künftig für den Freistaat sein können. Und Bundesinnenminister Thomas de Maiziere geht vor der Presse gleich selbst auf die brisanteste Frage ein: „Wie kann es sein, dass einer, der seinen Wahlkreis verliert, jetzt Ministerpräsident wird?“ Dazu gibt Journalisten seine Antwort vor: Michael Kretschmer werde ein guter Ministerpräsident für Sachsen sein. „Wer etwas anderes schreibt, hat unrecht.“

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