Nach dem Störfall : Debatte um Atomenergie

Nach dem schweren Störfall in einem schwedischen Atomkraftwerk haben Politiker der SPD und der Linksfraktion vor den Gefahren der Atomenergie gewarnt.

Dortmund/Berlin - Die schwedischen Atomkraftwerke hätten einen "immens hohen" Technikstandard, erklärte der umweltpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Marco Bülow, in Dortmund. Der Zwischenfall in Schweden habe deutlich gemacht, dass die Kernkrafttechnik "doch nicht beherrschbar" sei. Das Atomkraftwerk im schwedischen Forsmark sei Medienberichten zufolge 20 Minuten lang außer Kontrolle gewesen; der Atommeiler sei durch einen Kurzschluss vom Stromnetz getrennt worden.

"Nur weil zwei der vier Dieselaggregate glücklicherweise doch noch ansprangen, konnte ein Teil der Notkühlung wieder in Betrieb genommen werden", erklärte Bülow. "Wäre keine ausreichende Kühlung zu Stande gekommen, hätte sich der Reaktorkern überhitzt". Im schlimmsten Fall wäre er durchgeschmolzen oder hätte explodieren können. Fachleuten zufolge handele es sich um "den schwersten Zwischenfall seit Tschernobyl und Harrisburg". Die SPD-Bundestagsfraktion setze sich deshalb weiterhin für den Atomausstieg in Deutschland ein, erklärte der Sprecher. Es dürfe nicht darüber diskutiert werden, die Laufzeiten von Atomkraftwerken zu verlängern. "Jeder Tag, an dem wir uns dem unvermeidbaren Risiko aussetzen (...), ist ein Tag zuviel".

Lafontaine erteilt Atomenergie eine Absage

Der Vorsitzende der Linksfraktion, Oskar Lafontaine, warnte die Regierung davor, die Atomenergie wieder in den Mittelpunkt ihrer Energiepolitik zu rücken. Der Vorfall in Schweden zeige, "wie fahrlässig und gesellschaftlich unverantwortlich die große Koalition in Deutschland handelt, wenn sie, wie zumindest von Unionspolitikern verlautbart, die Atomenergie wieder ins Zentrum ihrer Energiepolitik rückt", erklärte Lafontaine in Berlin. Zu den wesentlichen Fragen der Energiepolitik gehörten "die unverhältnismäßig hohen Preise und die gefährdete ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit"; die richtige Antwort darauf sei es, "die Monopolmacht der Energiekonzerne zu brechen und zum anderen alternative Energien wie die Solar- und Windenergie zu fördern".

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) forderte die Bundesregierung auf, den Atomausstieg zu beschleunigen und "die gefährlichsten deutschen Atomreaktoren in Biblis, Neckarwestheim und Brunsbüttel" sofort abzuschalten. Der "Beinahe-GAU" im schwedischen AKW Forsmark habe die Störanfälligkeit aller Atomanlagen erneut deutlich gemacht. "Wir fordern die Stromkonzerne auf, sich aus der Atomkraft zurückzuziehen", erklärte die stellvertretende BUND-Vorsitzende Brigitte Dahlbender. "In den nächsten vier Jahren müssen zunächst die riskantesten vier Reaktoren vom Netz". (tso/AFP)

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