Politik : Nach dem Synagogenanschlag: "Düsseldorf hat seine Unschuld verloren"

Jürgen Zurheide

Paul Spiegel sagte den Satz eher leise, als wolle er ihn verstecken. "Ja, wir melden nicht einmal mehr jeden Vorfall", sagte er und erzählte dann davon, dass er seit 1958 hier in Düsseldorf lebe und dies bisher noch nie bereut habe. "Düsseldorf ist keine braune Stadt", fügte der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland an und es lag Trotz in seiner Stimme. Er redete wie jemand, der sich selbst zu überzeugen versucht, dass richtig ist, was er sagt. Er sagte diese Sätze vor dem jüngsten Anschlag auf die jüdische Synagoge.

Es gab auch schon vor der direkten Attacke in der Nacht zu Dienstag Anlass, über die Stadt und den Einfluss der Rechten nachzudenken. Nach dem Bombenanschlag auf die Mitglieder der jüdischen Gemeinde an einem S-Bahnhof in der Innenstadt schreckten viele zum ersten Mal auf. Von den Tätern fehlt jede Spur. "Durch den Anschlag wurde der Stadt die Unschuld geraubt", sagt Michael Szentei-Heise, der Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde, denn seither schaut man genauer hin, was sonst noch in der Stadt passiert.

Für Volker Neupert kommt das alles weniger überraschend als für andere. Er arbeitet seit einiger Zeit für den Düsseldorfer "Appell", ein Bündnis gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit in der Stadt. Die Gruppe wurde 1992 gegründet, als die erste Welle von Rassenhass das Land erschütterte. "Noch im Frühjahr hatten wir ziemliche Schwierigkeiten, jemanden für unser Thema zu interessieren", berichtet Neupert. "Das ist jetzt anders." Der Anschlag am S-Bahnhof hat die Öffentlichkeit bundesweit aufgerüttelt und seither werden auch manche Ereignisse, die vor dem 27. Juli geschahen, anders bewertet. "Da war der Angriff auf zwei Ausländer am 3. Juli, als fünf Skins einen Türken und einen Afghanen attackiert haben", berichtet Neupert. Einer der beiden Männer wurde auf Bahngleise geworfen. Die Täter sind wenig später gefasst worden, wurden aber schnell wieder auf freien Fuß gesetzt. "Der Staatsanwalt hat gesagt, es kam ja kein Zug, deshalb hätte keine Tötungsabsicht vorgelegen", sagt Neupert. "Als wenn die geschaut hätten, ob ein Zug kommt".

Auf der Suche nach den Rechten hat der neue Oberbürgermeister, der Christdemokrat Joachim Erwin, seine Behörden ermuntert, die Militarialäden der Stadt genauer unter die Lupe zu nehmen. "Wir können nicht dulden, dass da Handgranaten und anderes verkauft wird", sagt Erwin.

Mit solchen Aktionen sichert er sich den Beifall der Öffentlichkeit, in anderen Punkten ist er erstaunlich zurückhaltend. Wochen feilschte man im Rat der Stadt um die Details einer gemeinsamen Resolution gegen rechte Umtriebe. Erwin mochte zunächst nicht zustimmen, weil es ihm nicht reichte, wenn nur gegen rechte Gewalt vorgegangen wird.

Nicht wenige halten den neuen Oberbürgermeister für einen Teil des Problemes in Düsseldorf. Im Wahlkampf war er mit markigen Worten zu Felde gezogen und wollte etwa öffentliche Plätze gegen das "Pennertum" verteidigen. Er hatte auch kein Problem, sich mit der Stimme des im Stadtrat vertretenen Republikaners eine Mehrheit zu sichern, als er verhindern wollte, dass die Wehrmachtsausstellung in Düsseldorf gezeigt wird.

Dazu befragt, warum die jüdische Gemeinde nicht mehr jeden Vorfall bei der Polizei melde, sagt Spiegel: "Wir wollen Nachahmungstätern keine Nahrung liefern". Er verschwindet in seinem Büro und holt einen dicken Ordner, in dem haben sie die Schmähbriefe gesammelt, die die jüdische Gemeinde erreichen. "So etwas bekommen wir täglich", sagt Spiegel. Danach sagt er nur noch einen Satz: "Wir wollen hier in Deutschland leben. Ob wir das auch können, weiß ich nicht".

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