Politik : Nach dem Synagogenanschlag: Ein politisches Signal am Ort der Tat

Matthias Röder

Gemeinsam beugten sich Gerhard Schröder und Paul Spiegel über den Brandfleck am Eingang der Synagoge in Düsseldorf. Einen Tag nach dem Anschlag auf das jüdische Gotteshaus wurde der Besuch des Tatorts zum politischen Signal. Der Kanzler und der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland fanden am Mittwoch eindringliche Worte mit dem gemeinsamen Tenor: "Es reicht!".

"Wir brauchen einen Aufstand der Anständigen in Deutschland", sagte Schröder und forderte ein weiteres Mal mehr Zivilcourage von "allen Menschen in Deutschland" im Kampf gegen den Rechtsradikalismus. "Wegschauen ist nicht mehr erlaubt." Zentraler Punkt solle staatlicherseits auch das Austrocknen des rechtsextremen Umfelds werden, das den Tätern immer wieder Ansporn und Schutz biete.

Auch Spiegel, der in einer ersten Reaktion auf die Tat die Zukunft der jüdischen Gemeinden in Frage gestellt hatte, verlangte ein entschiedeneres Eintreten der Öffentlichkeit gegen Neonazis. "Wir möchten hören, fühlen, wissen, dass das nicht so weitergeht." Zugleich machte er aber auch deutlich, dass die Juden Deutschland nicht den Rücken kehren sollten. "Wir wollen in Deutschland leben", betonte Spiegel und erinnerte daran, dass hierzulande inzwischen mit rund 85 000 Mitgliedern die drittgrößte jüdische Gemeinde in Europa entstanden ist. Den jüdischen Gemeinden sicherten der Kanzler sowie NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) verstärkten Schutz zu. Für die Synagoge in Düsseldorf, die mit ihrem Gemeindezentrum rund 6500 Juden in der Region betreut, könnte das auch eine 24-Stunden-Überwachung bedeuten. Nach Aussage des Gemeinderabbiners Michael Goldberger war das 1958 eingeweihte Gotteshaus seit den 70er Jahren bereits mehrfach Ziel von Anschlägen. Seitdem wurden die Sicherheitsmaßnahmen Schritt für Schritt verstärkt.

Zahlreiche Anwohner sahen jedoch die Schutzmaßnahmen gerade zum Tag der Deutschen Einheit als unzureichend an. "Die Sache ist doch verpennt worden", meinte ein 72-jähriger Rentner. Es sei schlimm, dass Düsseldorf nur wenige Wochen nach dem Bombenattentat auf jüdische Übersiedler erneut in den Schlagzeilen stehe, sagte eine 63-Jährige.

Unterdessen suchen die rund 50 Beamten der Ermittlungskommission "Zietenstraße" noch ohne konkretes Ergebnis nach den Tätern. Das Land hat in der Hoffnung auf Tipps aus der Bevölkerung die Belohnung von 10 000 auf 25 000 Mark erhöht. Angesichts des neuen Höhepunkts antisemitischer Gewalt scheint die Hoffnung von Rabbiner Goldberger fast illusionär: "Wir sehnen uns nach Zeiten, in denen in Deutschland keine Schutzmaßnahmen für Juden mehr nötig sind."

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