Nach dem Tod von Kim Jong-Il : "Nordkorea steht das Wasser bis zum Hals"

Norbert Eschborn arbeitet für die Konrad-Adenauer-Stiftung in Südkorea. Er war gerade erst in Nordkorea und berichtet von einer speziellen Form der Offenheit, der Vater-Mutter-Rolle Kim Jong Ils und einer großen Unsicherheit.

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Kim Jong Un, der Sohn des verstorbenen nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il, ist zum neuen Führer des Landes ernannt worden.Weitere Bilder anzeigen
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28.12.2011 16:01Kim Jong Un, der Sohn des verstorbenen nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il, ist zum neuen Führer des Landes ernannt worden.

Herr Eschborn, Sie waren selbst für die Konrad-Adenauer-Stiftung vor einigen Tagen in Nordkorea. Welchen Eindruck haben Sie gewonnen?
Das erste, was auffällt ist der extreme Energiemangel. Wir sind an riesigen Wohnblocks mit Tausenden von Wohnungen vorbei gefahren, in denen es stockdunkel war. Strom gibt es, wie mir auf Nachfrage gesagt wurde, nur an zwei Stunden am Morgen und am Abend sowie ganztägig am Sonntag. Der Rest fließt in die Produktion. Die Wasserleitungen sind zu dieser Jahreszeit gefroren. Wir hatten zwischen 0 und -10 Grad und man kann sich vorstellen, wie kalt das in den Wohnungen wird. Die Lebensmittelsituation ist auch schwierig. Als Ausländer muss man nicht hungern, es ist nicht viel, aber ausreichend. Nur meine einheimischen Begleiter wurden mit Suppe, Reis und etwas eingelegtem Kohl abgespeist.

Wie haben die Menschen auf Sie reagiert?
Es gibt eine spezielle Form der Offenheit. Wir als Konrad-Adenauer-Stiftung sind bereits seit einem Jahr dabei, unsere Kontakte nach Nordkorea auszubauen. Wir wollen jungen Menschen die Möglichkeit geben, ihre Fachkenntnisse zu erweitern - vor allem im Bereich Wirtschaftsrecht, wo es großen Nachholbedarf gibt. Und in allen Gesprächen, egal ob mit Politikern oder Studenten, wurde nichts beschönigt. Die Probleme des Landes wurden erstaunlich offen angesprochen. Und viele hoffen, dass sich die Lebensbedingungen durch eine bessere Außenwirtschaft verbessern. Damit aber ausländische Investoren ins Land kommen, muss Nordkorea gerade im Bereich Wirtschaftsrecht noch viel nachholen. Das wird in den Gesprächen immer wieder deutlich - auch als wir vor einigen Monaten eine Delegation in Berlin zu Gast hatten. Insgesamt aber muss man zusammenfassen: Nordkorea steht das Wasser bis zum Hals.

Kim Jong-Ils letzte große Fahrt
Der jetzt verstorbene nordkoreanische Diktator Kim Jong-Il hatte sich im Sommer noch einmal in einem gepanzerten Zug auf Reisen begeben: Ziel war Russland, wo er auch mit Präsident Medwedew zusammentraf.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: AFP
19.12.2011 07:03Der jetzt verstorbene nordkoreanische Diktator Kim Jong-Il hatte sich im Sommer noch einmal in einem gepanzerten Zug auf Reisen...

Welche Rolle spielt der Tod von Kim Jong-Il in dieser Gemengelage?
Um ihn gab es gar nicht so einen großen Personenkult. In den Straßen von Pjöngjang habe ich nicht ein Bild von ihm hängen sehen. Der Kult betrifft eher seinen Vater Kim Il-Sung. Gleichwohl ist er eine ganz wichtige Figur gewesen. Es mag sich für westliche Ohren merkwürdig anhören, aber Kim Jong-Il hat eine Art Vater-Mutter-Rolle für die Bevölkerung übernommen. Er hat den Menschen ein Gefühl der Sicherheit, Stabilität und Orientierung gegeben. Sein Tod bedeutet dahingehend nun einen großen Bruch.

Norbert Eschborn ist Repräsentant der Konrad-Adenauer-Stiftung in Südkorea. Er war gerade erst mehrere Tage in Nordkorea.
Norbert Eschborn ist Repräsentant der Konrad-Adenauer-Stiftung in Südkorea. Er war gerade erst mehrere Tage in Nordkorea.Foto: promo

Wie genau sieht dieser Bruch aus?
Sein Sohn und Nachfolger, Kim Jong-Un, ist extrem jung und kann diese Vater-Mutter-Rolle allein deshalb schon nicht ausfüllen. Außerdem hatte Kim Jong-Il damals fast 30 Jahre Vorbereitungszeit, die hat Kim Jong-Un nun nicht. Er muss sich jetzt schnell profilieren, er steht unter extremen Druck und möglicherweise auch in Konkurrenz. Das macht gerade in totalitären Regimen die Übergangszeit so gefährlich.

Warum?
Weil es unklar ist, wie hoch sein Grad der Akzeptanz ist. Bisher hat man von ihm öffentlich nicht viel gehört. Er ist gerade einmal Ende 20 und als seine einzige Profilierungsmöglichkeit erscheint das Säbelrasseln. Kein Wunder, blickt nun mindestens ein Drittel der Welt in diesen Stunden nach Pjöngjang. Das macht die Situation des Übergangs so gefährlich. Schließlich sind beide koreanische Staaten in Denkstrukturen verhaftet, die schwer zu durchbrechen sind. Es besteht die Gefahr, dass die nordkoreanische Führung jetzt durch militärische Stärke ihre Handlungsfähigkeit beweisen will.

Wie wurde die Nachricht von Kim Jong-Ils Tod in Südkorea aufgenommen?

Mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Spannung. Die Fernsehsender bringen alle Sondersendungen und auch in den Cafés laufen überall die Fernsehapparate. Aber große Hoffnungen auf Annäherung und Wandel hat man nicht. Im Gegenteil, man geht eher von zunehmender Spannung aus, weil man nun nicht mehr weiß, woran man ist.

Welche Rolle spielt nun der Westen und China?
China ist Nordkoreas wichtigster Verbündeter. Aber auch die Chinesen verzweifeln etwas. Für sie gleicht Nordkorea manchmal einem ungehorsamen, trotzigen Kind und China verliert allmählich die Hoffnung. Trotzdem braucht Nordkorea China und umgekehrt brauchen auch die Chinesen Nordkorea als Rohstofflieferant zum Beispiel für seltene Erden. Und die USA haben auch nicht viel Einfluss. Sie können als militärische Schutzmacht Südkoreas nur mäßigend auf Südkorea einwirken. Es gibt nicht viele Handlungsoptionen. Alles hängt jetzt von Nordkorea ab und wie sich die Führung dort sortiert.

Dr. Norbert Eschborn ist Repräsentant der Konrad-Adenauer-Stiftung in Südkorea. Die Stiftung baut seit Monaten ihre Beziehungen nach Nordkorea aus und Eschborn selbst ist gerade erst von einer mehrtägigen Reise aus Nordkorea nach Seoul zurückgekehrt. Das Gespräch führte Christian Tretbar.

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