Politik : Nach dem US-Militärschlag: Gefahr für das neue Verhältnis zum Nachbarn

Susanne Güsten

Besonders gereizt hat die Türkei auf die amerikanischen und britischen Luftangriffe auf Irak reagiert. "Wir hoffen, dass so etwas nicht noch einmal vorkommt", sagte Außenminister Ismail Cem, und Premier Bülent Ecevit meldete bei Washington Klärungsbedarf an: Als Nachbarland von Irak hätte die Türkei konsultiert werden müssen.

Die Irritation in Ankara kommt nicht von ungefähr: Die Türkei arbeitet seit Monaten an einer Normalisierung ihrer Beziehungen zu Irak und hatte gerade als erstes Mitglied der Golfkriegsallianz wieder einen Botschafter nach Bagdad entsandt - was wiederum die USA stark missbilligt hatten. Von türkischem Boden aus waren vor zehn Jahren noch alliierte Kampfflugzeuge zur Bombardierung von Bagdad gestartet; vom Luftwaffenstützpunkt Incirlik aus wird auch bisher noch die nördliche Flugverbotszone überwacht. Doch für eine neue Eskalation wird die Türkei nicht mehr zu haben sein - das macht Ankara jetzt unmissverständlich klar.

Eine Delegation türkischer Parlamentarier war noch am Tag der Luftangriffe in Bagdad zu Gast. Bei dem Besuch wurde die Wiedereröffnung des Bagdad-Express vereinbart, der Schienenverbindung zwischen den beiden Nachbarländern, die im Golfkrieg gekappt wurde. Das Abkommen ist nur das jüngste in einer Serie von wirtschaftlichen und politischen Vereinbarungen zwischen den vormaligen Kriegsgegnern. Im Gespräch ist auch ein neuer Grenzübergang, der Irak erstmals seit dem Krieg wieder ein Tor zum Westen eröffnen würde.

"Irak ist unser Nachbar", betonte Ecevit jetzt wieder. "Es ist unsere humanitäre Pflicht, uns - im Rahmen der entsprechenden UN-Resolutionen - für eine Lösung der Probleme des irakischen Volkes einzusetzen." Zwar waren tatsächlich auch humanitäre Hilfslieferungen mit an Bord, als türkische Politiker und Geschäftsleute im vergangenen Herbst den UN-Sanktionen trotzten und mehrere Flugzeuge in Bagdad landen ließen. Doch geht es der Türkei auch um handfeste eigene Interessen. Rund 75 Milliarden Mark hat das Embargo gegen Irak die türkische Wirtschaft nach Schätzungen der Regierung bisher gekostet. Weit davon entfernt, die Türkei für diese Verluste zu entschädigen, hat der Westen sich nach Ansicht der Regierung für die Bündnistreue nicht einmal besonders erkenntlich gezeigt.

Allerdings geht es Ankara nicht nur ums Geld. Vor allem ein konstantes Interesse hat die Türkei in der Region: Einen Zusammenbruch des südlichen Nachbarn zu verhindern, der die Frage eines Kurdenstaates im Nordirak auf die internationale Tagesordnung bringen könnte.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben