• Nach den Vorurteilen, nach dem Umzug - ein Blick aufs Verhältnis zwischen Deutschland und Polen (Gastkommentar)

Politik : Nach den Vorurteilen, nach dem Umzug - ein Blick aufs Verhältnis zwischen Deutschland und Polen (Gastkommentar)

Michal Jaranowski

In der Umzugsdebatte 1991 bemühten viele Berlin-Gegner die Nachbarn im Osten als Kronzeugen: In dieser Stadt wurde der Überfall auf Polen geplant, die Besatzungspolitik und der Russlandfeldzug; hier war die Herrenmenschenideologie zu Hause. Polen, Tschechen und Russen müsse allein schon der Gedanke an ein größeres, ein vereintes Deutschland, das von Berlin aus regiert wird, Unbehagen bereiten. Die Staatsraison gebiete es, in Bonn zu bleiben - als vertrauensbildende Maßnahme.

Das ist acht Jahre her. Und heute, da Regierung und Parlament in Berlin sind? Von den polnischen Gymnasiasten, die kürzlich im Rahmen eines Schüleraustauschs Bonn und Berlin besuchten, formulierte nicht einer solche Ängste. Mehr Demos, mehr Großstadt, mehr Konfrontation mit der Wirklichkeit, das sind ihre Erwartungen an Politik in Berlin. Preußens Rolle bei den polnischen Teilungen, die Hauptstadt des Dritten Reiches - gewiss, das haben sie im Unterricht gelernt. "Aber das ist doch Geschichte. Wir leben in einem neuen Zeitalter."

Ich war verblüfft über den Pragmatismus der Gymnasiasten. Wo liegt die Grenze zwischen dem begrüßenswerten Verschwinden der Vorurteile und bedenklicher Geschichtsvergessenheit? Für meine Generation war Bonn das Symbol für die Abwendung der Deutschen vom Dritten Reich, für eine verlässliche Demokratie.

Kann Berlin da einfach so anknüpfen, als sei vor 1945 nichts gewesen? Zumal wirtschaftlicher und sozialer Wandel einige Korrekturen erzwingen: an den Sozialsystemen, an den Rezepten zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Die Ungewissheiten und die Orientierungslosigkeit nehmen zu, auch in der Politik, für die nun nicht mehr Bonn steht, sondern Berlin.

Auch Polen hat solche Wechsel erlebt: als die Hauptstadt von Krakau nach Warschau verlegt wurde, als Europas Norden bestimmender wurde für unsere Geschichte als der Südosten bis hinunter zum Schwarzen Meer. Schon Montesquieu wusste, dass die Geografie die Gesetze beeinflusst.

Ostmitteleuropa spielte sich in Bonn vor allem in den Akten ab. In Berlin ist es Wirklichkeit: Polnische, litauische, ukrainische Autokennzeichen gehören zum Alltag, Schwarzarbeiter und Prostituierte leider auch. Deutsche Politik wird künftig wieder stärker vom Osten geprägt - wie in den Zeiten vor der Rheinischen Republik. Aber es fehlt an wirklich neuen Ideen. Im Osten wird nachgeholt, was im Westen bereits in den sechziger und siebziger Jahren gelang. Die Versöhnung liegt hinter uns, die EU-Integration wird vorbereitet. Aber wo sind die Konzepte, die mehr sind als nur Kopien der im Westen erprobten Rezepte?

Die Bonner Republik bildete mit Frankreich den Rheinbund, der mit den Benelux-Staaten zu Kerneuropa wurde. Die Berliner Republik wird mit Polen, Tschechien und Ungarn eine Art Oderbund entwickeln. Kraft seines Gewichts wird Deutschland unausweichlich die Rolle des Spielmachers übernehmen. Nein, Angst vor neuem deutschen Imperialismus müssen die polnischen Gymnasiasten nicht haben. Aber sind die Deutschen bereit, ihre Rolle zu übernehmen?Der Autor ist Deutschland-Korrespondent der polnischen Zeitung "Zycie Warszawy".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben