Nach der Bayernwahl : Es wird rauer in der Woche vor der Bundestagswahl

Die Bayernwahl ist nicht nur einfach ein Vorlauf. Eine Woche vor der Bundestagswahl macht sie mächtig Stimmung. Aber dann gibt es auch Leute, die sagen: Das Land da im Süden habe mit dem Rest nichts zu tun.

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Schluck: Die FDP muss aus dem bayerischen Landtag ausziehen.
Schluck: Die FDP muss aus dem bayerischen Landtag ausziehen.Foto: dpa

Drei? Mit 4,7 oder 4,8 Prozent hätte man gut leben können, das klingt irgendwie nach Hoffnung, nach: Alles ist möglich, strengen wir uns noch mal ein bisschen an in den nächsten Tagen. Bis zur fünf, jener magischen Grenze für den Einzug in Parlamente, da ist es nicht mehr weit. Aber drei Prozent?

Als die Verlierer dieses Abends um 20 nach sechs aufs Podium in der Berliner FDP-Parteizentrale steigen, sind ihre Gesichter gezeichnet vom Schock. Gerade hat jemand im Fernsehen gesagt, es bleibe bei drei Prozent der Wähler, die der FDP in Bayern ihre Stimme gegeben haben. Es werde nicht mehr werden. Die Bayern sahen keinen Sinn darin, ihr Kreuzchen bei den Liberalen zu machen. Raus aus der Regierung sind sie damit und raus aus dem Landtag. Und schon in sieben Tagen müssen sie wieder hier stehen, nächsten Sonntag, nach der Bundestagswahl. Eine furchtbare Ahnung steigt in Philipp Rösler und Rainer Brüderle auf: Es könnte eine Wiederholung geben. Wenn sich herausstellt, dass Bayern nicht irgendwo im Süden ist, sondern überall. Wenn niemand mehr einen Sinn darin sieht, die FDP zu wählen. Raus aus der Regierung wären sie dann und raus aus dem Bundestag.

Bayernwahl 2013
Der Abend gehört Horst Seehofer (CSU).Weitere Bilder anzeigen
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15.09.2013 22:56Der Abend gehört Horst Seehofer (CSU).

Der FDP-Vorsitzende wird an diesem Sonntag nur einen kurzen und sehr knappen Satz zur Bewertung des Desasters von München sagen. Eine „schwere Niederlage“, presst er hervor. Dann streckt Rösler den Rücken, stellt beide Füße fest auf den Boden und ballt die Hände zur Faust. Er darf jetzt auf keinen Fall schwach werden. Es muss vorwärts gehen. Rösler spricht Wichtiges immer betont leise in Mikrofone. Aber heute ist kein Tag für leise Töne. „Jetzt erst recht!!“ Er klingt wie ein Häuptling, der sein Häufchen blau-gelb Angemalter mit ihren Tomahawks zur Schlacht gegen einen übermächtigen Gegner aufpeitscht. Vom „Weckruf in Bayern“ wird Rösler reden, ach was, schreien, und dass alle Liberalen nun „Aufstehen und kämpfen“ müssten. Sieben Tage noch: „Es geht um Deutschland“, ruft Rösler in die Kameras. „Es geht um alles!“

Für ihn und seine Partei stimmt das schon mal. Für alle anderen ist dieser bayerische Wahlabend keine Katastrophe, sondern bloß schwierig. Man erkennt das unschwer daran, welchen Wert die Spitzenleute in Berlin auf die Feststellung legen, dass in Bayern in Uhren ja doch irgendwie anders gingen.

Deshalb dürfe man den Urnengang am südlichen Rand der Republik nicht einfach als Vorboten des nächsten, des weitaus wichtigeren in einer Woche nehmen. Die Einigkeit der Uhrmacher ist parteiübergreifend. Die reine Freude ist dieser Test eine Woche vor der Bundestagswahl für keinen von ihnen. Selbst der CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe strahlt nur kurz über den „guten Tag für Bayern und die Unionsfamilie“ und den „Rückenwind“, bevor er zur eigentlichen Botschaft kommt. Sie besteht aus drei Teilen. Erstens: In acht Tagen, „das wird ein knappes Rennen.“ Zweitens: Dass die FDP in Bayern aus dem Landtag fliegt, sei ja nun so ungewöhnlich nicht und deshalb kein böses Omen für den Bund – da werde es der Partner ganz sicher schaffen. Drittens aber und wichtigstens: „Zweitstimme ist Merkelstimme!“

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Martenstein, was lehrt die Bayernwahl?
Martenstein, was lehrt die Bayernwahl?

Der Satz ist eine Kampfansage. Noch jedes Mal, wenn Union und FDP Seite an Seite in einen Wahlkampf gezogen sind, hat die CDU es bisher augenzwinkernd geduldet, dass die Freidemokraten ihr mit einer Zweitstimmenkampagne Wähler abspenstig machten. Seit Niedersachsen ist Schluss damit. Bei der Landtagswahl im Frühjahr hatte der CDU-Spitzenmann David McAllister so demonstrativ darum geworben, seinem schwächelnden Koalitionspartner über die Hürde zu helfen, dass die Freidemokraten mit zehn Prozent davongingen und McAllister auf den letzten Metern scheiterte.

Der Schock sitzt bis heute tief. Noch mal passieren soll das nicht. Außerdem brauchen sie diesmal wirklich jede Stimme selbst, schon damit der Horst in München nicht größenwahnsinnig wird. Gröhe gibt sogar öffentliche Nachhilfe im neuen Wahlrecht: „Entscheidend für die Mehrheitsbildung ist die Zweitstimme!“ Aber auch abseits der Mikrofone zeigt sich die CDU-Spitze finster entschlossen. Ob es nicht doch eine klitzekleine Zweitstimmenhilfe für die FDP, sicherheitshalber ... ? „Nein!“ sagt ein CDU- Spitzenmann und noch mal: „Nein!“

Bei der FDP hören sie das nicht gern. Von wo, wenn nicht aus dem bürgerlichen Lager, sollen denn jene Stimmen kommen, die ihr in acht Tagen das Überleben, womöglich gar das Mitregieren sichern sollen? Enttäuschte und taktisch veranlagte CDU-Anhänger oder Protestwähler, das war immer das Reservoir für eine FDP in Not. Aber selbst mit den Protestlern ist das inzwischen so eine Sache. Für die gibt es neuerdings die „Alternative für Deutschland“.

Die AfD ist in Bayern nicht angetreten wegen größerer Querelen in den eigenen Reihen. Das könnte sich im Nachhinein auszahlen, weil es ihnen vielleicht eine böse Niederlage erspart hat. Für die neuen Wutbürger wäre nicht viel Raum gewesen zwischen Freien Wählern, die auch gegen den Euro sind, und einer CSU, die sich bei passender Gelegenheit ebenfalls euroskeptisch zu geben weiß. So bleiben sie die Unbekannte.

Da hat also eine FDP in Not nur die Angst vorm roten Mann. „Wer nicht will, dass Sigmar Gabriel (der SPD-Vorsitzende) zum mächtigsten Mann in Deutschland wird“, warnt Philipp Rösler am Sonntagabend, der müsse seine Zweitstimme der FDP geben. Sein Generalsekretär Patrick Döring hat längst die FDP-Kandidaten in den Wahlkreisen aufgerufen, mit ihren jeweiligen CDU- und CSU-Kollegen ein Geschäft auf Gegenseitigkeit zu schließen: Eine Erststimmen-Wahlempfehlung für den Unionsbewerber gegen eine Zweitstimme für die FDP. Das riecht zwar schwer nach Mitleidskampagne. Aber wo die Not groß ist, spielen Geschmacksfragen keine Rolle mehr. Selbst Spitzenkandidat Rainer Brüderle, ein eigentlich von sich und seiner liberalen Idee überzeugter Mann, greift zum Äußersten: Wenn die traditionsreiche FDP verschwindet, die „Deutschland entscheidend mit geprägt hat“, drückt Brüderle auf die Tränendrüse, „dann ist das eine andere Republik!“

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