Nach der Flutkatastrophe : Helfer warnen vor Hungersnot in Pakistan

Ein halbes Jahr nach der Jahrhundertflut ist jedes vierte Kleinkind in Pakistan unterernährt. Das Hilfsprogramm der Regierung ist anfällig für Korruption. Der Internationale Währungsfonds stoppt Kredite.

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Der Atomstaat Pakistan kommt nicht raus aus der Krise. Auch sechs Monate nach der Jahrhundertflut kämpft das 170 Millionen Einwohner zählende Land weiter mit den verheerenden Folgen des Desasters. Zwar konnten die allermeisten Flutopfer inzwischen in ihre Dörfer zurückkehren, doch Helfer warnen nun vor einer Hungersnot. Zugleich spitzt sich auch die Wirtschaftsmisere wieder zu: Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat dem südasiatischen Land vorerst den Geldhahn zugedreht, weil die Regierung versprochene Reformen nicht umsetzt. Pakistan appellierte am Freitag an die USA, ihren Einfluss geltend zu machen, damit der IWF die nächste Kredittranche im März freigibt.

Zugleich mahnten Hilfsorganisationen mehr Geld für die Flutopfer an. Die Vereinten Nationen hätten bisher nur 1,1 Milliarden der erbetenen zwei Milliarden Dollar für die Nothilfe erhalten. Vor allem in der südlichen Provinz Sindh seien inzwischen beinahe Hungerlevel wie in den schlimmsten Regionen Afrikas zu verzeichnen. Ein Viertel aller Kinder unter fünf Jahren sei unter- und mangelernährt, sechs Prozent hungerten. „Ich habe keine Unterernährung von solchem Ausmaß mehr gesehen seit den Krisen in Äthiopien, Darfur und im Tschad“, sagte Karen Allen vom UN-Kinderhilfswerk Unicef in Pakistan.

Pakistan war vergangenen Sommer von der schlimmsten Flut seiner Geschichte heimgesucht worden. Tausende Dörfer versanken im Wasser, etwa 2000 Menschen starben, und 1,2 Millionen Häuser wurden zerstört. Insgesamt 20 Millionen Menschen waren betroffen, 14 Millionen mussten über Wochen und Monate ihre Dörfer verlassen und 3,3 Millionen Zuflucht in Notcamps suchen. Inzwischen sind die meisten zurückgekehrt, aber die Folgen der Flut sind weiter überall zu sehen. Die Schäden sind immens – Schätzungen gehen von bis zu 43 Milliarden Dollar aus. Riesige Anbauflächen wurden verschlammt und ganze Ernten vernichtet.

Zwar hat die von der Bhutto-Partei PPP geführte Regierung ein Hilfsprogramm aufgelegt, das sich vornehmlich aus westlichen Geldern speist. Doch Helfer beklagen, dass das Programm anfällig für Korruption sei. Deutlicher war der pakistanische UN-Diplomat Abdullah Hussain Haroon geworden. Er hatte Feudalherren und Großgrundbesitzer vorgeworfen, Hilfsgelder in die eigenen Taschen umzuleiten. Bereits während der Flut kursierten Berichte, dass die Landbesitzer absichtlich Dämme einrissen, um ihre Ländereien und Ernten vor den Wassermassen zu retten. Als Folge wurden vor allem Felder der Ärmeren vernichtet.

Für den von Terror, Bomben und Armut gebeutelten Atomstaat war die Flut ein weiterer schwerer Schlag zur Unzeit. Schon zuvor schrammte das Land am Rande des Bankrotts entlang. Nur westliche Finanzspritzen und eine Darlehenszusage des Internationalen Währungsfonds über insgesamt 11,3 Milliarden Dollar hatten 2008 verhindert, dass Pakistan zahlungsunfähig wird. Die Wirtschaft liegt am Boden, die Industrieproduktion ist dramatisch eingebrochen, und jeden Tag legen Stromausfälle das öffentliche und wirtschaftliche Leben lahm.

Bisher hat die internationale Gemeinschaft Pakistan zwar immer wieder herausgeboxt, doch inzwischen scheinen viele Geberländer die Geduld zu verlieren. Zumal die Regierung sich schwer tut, notwendige, aber unpopuläre Reformen durchzusetzen, weil es immer wieder zu wütenden, auch gewalttätigen Protesten kommt. Der IWF hatte deshalb bereits vor sieben Monaten die nächste Kredittranche zunächst eingefroren. Pakistan, das eine Schlüsselrolle im Kampf gegen die Taliban und Al Qaida spielt, appellierte an die USA, den IWF zu drängen, das Geld auszuzahlen.

Die Flutkatastrophe hat auch ein Schlaglicht auf die teilweise mittelalterlichen Zustände in Pakistan geworfen. Sindh ist mit rund 35 Millionen Einwohnern Pakistans drittgrößte Provinz. Während die Hafenstadt Karachi mit ihren 16 Millionen Einwohnern als Wirtschaftsmetropole gilt, zählen die ländlichen Regionen zu den ärmsten ganz Südasiens. Reiche Landbesitzer herrschen weiter wie Feudalherren über arme, rechtlose Landarbeiter, die sie wie Leibeigene halten. Schon vor der Flut lebten viele Familien unterhalb der Armutsgrenze. Eine solche Hungerkrise „passiert nicht über Nacht. Sie zeigt tiefe, grausame Armut“, sagen Helfer.

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