Nach der US-Wahl : Zeit der Wildnis für die Demokraten

Die Demokratische Partei steht vor dem Nichts – ein populistischer Schwenk nach links würde sie weiter isolieren. Aber es werden Namen gehandelt: Tim Kaine und Chuck Schumer.

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Der Neue? Tim Kaine umarmt Hillary Clinton. Wird er die Demokraten anführen?
Der Neue? Tim Kaine umarmt Hillary Clinton. Wird er die Demokraten anführen?Foto: dpa

Der Schlachtruf „Nicht unser Präsident“ hallt durch Amerika. In mehreren Dutzend Städten gingen Demonstranten auf die Straße, um gegen den Wahlsieg von Donald Trump zu protestieren. Sie legten den Verkehr in Städten wie Dallas, Chicago und Philadelphia lahm, verbrannten amerikanische Fahnen und Trump-Puppen und lieferten sich mancherorts Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Proteste sind ein Zeichen dafür, dass Trumps Sieg viele US-Bürger zutiefst verstört hat – und dass die unterlegenen Demokraten durchaus ein Publikum haben, an das sie sich für eine politische Erneuerung wenden können.

Frauen, Hispanics, Afro-Amerikaner und Muslime gehören zu jenen Bevölkerungsgruppen, die sich nach Trumps Sieg bedrängt fühlen. Der designierte Präsident hatte im Wahlkampf unter anderem mit der Abschiebung von Millionen Einwanderern gedroht und immer wieder frauenfeindliche Bemerkungen gemacht. Der Aktivist Cesar Vargas, der sich für die Rechte von Immigranten engagiert, berichtete der „New York Times“, er erhalte seit der Wahlnacht „eine Flut“ von Morddrohungen.

Das Potenzial für die jäh in die Oppositionsrolle geworfenen Demokraten ist riesig. Mit knapp 60 Millionen Wählerstimmen gewann Hillary Clinton am Dienstag die Mehrheit aller Stimmen im Land, verlor wegen des amerikanischen Wahlsystems, bei dem die Mehrheiten in den einzelnen Bundesstaaten entscheidend sind, aber trotzdem gegen Trump. Die 69-jährige Clinton rief ihre Anhänger auf, weiter für ihre Ziele zu kämpfen, machte aber deutlich, dass sie selbst abtritt. Damit geht eine Ära zu Ende: Clintons Mann Bill war von 1993 bis zum Jahr 2001 einer der erfolgreichsten demokratischen Präsidenten.

Niemand weiß, wohin die Reise gehen soll

Die Niederlage von Hillary Clinton schmerzt die Demokraten nicht nur, weil sie fest mit einem Sieg gerechnet hatten. Die Partei Clintons und des scheidenden Präsidenten Barack Obama hat das Weiße Haus verloren und steht in beiden Kammern des Parlamentes den Mehrheiten der Republikaner gegenüber. Zudem fehlen nach dem Ende der politischen Karrieren von Clinton und Obama plötzlich die wichtigsten Gesichter der Partei. Die Zeit nach einer solchen Wahlniederlage wird nicht umsonst als Phase in der politischen Wildnis bezeichnet.

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Clinton bietet Trump Zusammenarbeit an
Clinton bietet Trump Zusammenarbeit an

Nun rückt die Frage in den Vordergrund, welche Richtung die Partei in der Wildnis einschlagen soll. Politiker wie der von Clinton im Vorwahlkampf geschlagene Bernie Sanders und die Senatorin Elizabeth Warren stehen für einen entschiedenen Linkskurs: gegen das Großkapital, gegen die Exzesse der Globalisierung. Sanders weckte insbesondere bei jungen Leuten viel Enthusiasmus, doch die Frage ist, ob ein Linksruck nicht am Ende die Rückkehr an die Macht verhindern würde. Ein solcher Schwenk würde die politische Mitte den Republikanern überlassen. Vorerst weiß niemand so recht, wie es weitergehen soll. Obamas Pressesprecher Josh Earnest verwies darauf, dass viele Amerikaner, die 2008 und 2012 dem jetzt scheidenden Präsidenten ihre Stimme gaben, diesmal auf Donald Trump setzten. „Dafür habe ich keine Erklärung.“ Ein Verdacht lautet, dass die Demokraten ihre traditionelle Anhängerschaft in der weißen Arbeiterschaft und Mittelschicht ignorierten.

Zudem haben die Wahlanalysen ergeben, dass Hillary Clinton die so genannte Obama-Koalition der vergangenen Jahre für ihren Wahlkampf nicht vollständig übernehmen konnte. Obama hatte viele Schwarze und viele Hispanics an die Urnen bekommen und viele junge Leute motiviert. Diese Gruppen votierten am Dienstag zwar wieder vorwiegend für Clinton, aber nicht in dem Ausmaß, wie sie es für Obama taten. Die Obama-Koalition sei „nicht transferierbar“, analysierte die „Washington Post“.

In den Tagen nach dem Wahldebakel taucht deshalb ein anderer Name immer wieder als möglicher Hoffnungsträger für die Zukunft auf: Tim Kaine, Senator aus Virginia und Clintons Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten. Mit 58 Jahren ist Kaine jung genug, um in vier Jahren als Präsidentschaftsbewerber anzutreten. Ein anderer Name ist Chuck Schumer, der erfahrene Senator aus New York.

Vielleicht muss die Partei aber auch auf einen Außenseiter warten.

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