Nach der Wahl in Ägypten : Absage an Ideale vom Tahrir-Platz

Nach der Präsidentschaftswahl in Ägypten zeichnet sich eine Stichwahl zwischen Mohammed Mursi und Ahmed Schafik oder Hamdin Sabahi ab. Wer sind die Kandidaten und wofür stehen sie?

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Der Wahlausgang polarisiert: Debatten vor der Al-Fatah-Moschee in Kairo.
Der Wahlausgang polarisiert: Debatten vor der Al-Fatah-Moschee in Kairo.Foto: AFP

Wenn am Ende tatsächlich Mohamed Mursi und Ahmed Schafik zur Stichwahl beim Rennen um das Präsidentenamt antreten, werden Ägyptens Revolutionäre wohl nicht mehr hingehen. Denn mit den Idealen des Tahrir-Platzes haben die beiden wenig am Hut. Hinter Mursi, dem Apparatschik der Muslimbruderschaft, schart sich eisern die disziplinierte Kerntruppe der Islamisten. Kontrahent Schafik, als Ex-Luftwaffenchef und Ex-Premier fast ein Widergänger des gestürzten Hosni Mubarak, kann in der Endrunde auf die Stimmen der alten Regimekreise zählen, auf Teile des säkularen Lagers und auf die Kopten.

Beiden Rivalen ist eines gemeinsam – sie polarisieren. Lager übergreifende Mitbewerber, wie Ex-Muslimbruder Abdel Moneim Abolfotoh oder der Ex-Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Moussa, hatten dagegen das Nachsehen. So könnte die Stichwahl am 16. und 17. Juni zu einer fundamentalen Richtungsentscheidung und zu einem Menetekel für weitere unruhige Jahre werden.

Dass hingegen Hamdin Sabahi als Außenseiter aus dem linken, säkularen Lager so gut abschnitt, ist eine große Überraschung. Er stammt aus kleinen Verhältnissen, war das jüngste von elf Kindern einer Bauernfamilie im Nildelta. Er ist vor allem auf dem Lande und in den Dörfern populär, aber auch der zweitgrößten Stadt Alexandria ließ er alle Konkurrenten weit hinter sich. Unter den Präsidenten Anwar as-Sadat und Hosni Mubarak saß er mehrfach hinter Gittern. 1996 gründete der Journalist und Dichter die nasseristische Al-Karama-Partei. In den Jahren 2000 und 2005 wurde er ins ägyptische Parlament gewählt. 2004 gehörte er zu den Mitbegründern der Kefaya-Bewegung, die heute als Keimzelle der Demokratiebewegung am Nil gilt.

Mohammed Mursi schaffte es sicher in die Stichwahl. Der Vorsitzende der „Partei für Freiheit und Gerechtigkeit“, die als politischer Arm der Muslimbruderschaft agiert, ist im Kampf um die Präsidentschaft eigentlich nur Ersatzmann. Nachdem die Hohe Wahlkommission den Wunschkandidaten der Muslimbruderschaft, den Millionär Khairat El Shater, wegen seiner Gefängnisstrafe unter Mubarak disqualifizierte, sprang Mursi ein. Im August 1951 wurde er in der Provinz Sharqia im Nildelta geboren, bis zuletzt arbeitete er als Professor an der Fakultät für Ingenieurwissenschaften in der Provinzhauptstadt Zagazig. Zwischendurch lebte die Familie aber auch in Kairo und insgesamt sieben Jahre in Kalifornien. Zurück in Ägypten machte er rasch Karriere in der Muslimbruderschaft, wurde ihr politischer Sprecher. Als Wahlkampf-Einheizer hatte er stets den radikalen Prediger Safwat el-Hegazi dabei, der der jubelnden Menge Vereinigte Staaten von Arabien mit Jerusalem als Hauptstadt in Aussicht stellte. Die koptische Minderheit fürchtet Mursi wegen seiner militanten religiösen Ansichten. Die Scharia gehört für den langjährigen Apparatschik selbstverständlich zur Grundlage des Staates.

Als Mann der Tat präsentiert sich auch der 70-jährige Schafik. Er verspricht, die Polizei zu reformieren, die Kriminalität zu bekämpfen und die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Viele Ägypter wollen wieder Ruhe im Land. Und so setzen sie auf den einzigen Ex-General unter den Präsidentschaftsbewerbern. In Ägypten einen Namen gemacht hat sich Schafik aber vor allem seit 2002 als erster Luftfahrtminister des Landes, der die Fluglinie „Egypt Air“ zu einem modernen Transportunternehmen umbaute. Nach Beginn der Revolution hatte der bedrängte Mubarak ihn Ende Januar 2011 zum neuen Regierungschef ernannt, der jedoch schon vier Wochen später nach einer hitzigen Fernsehdebatte mit dem populären Schriftsteller Alaa al Aswani zurücktrat. Für viele gilt Schafik einerseits als typischer Widergänger des alten Regimes, andererseits als ein Mann, der bewiesen hat, dass er Dinge bewegen kann. Zwar liegen gegen ihn über 40 Anzeigen wegen Selbstbereicherung vor, doch die Staatsanwaltschaft hat bisher kein einziges Ermittlungsverfahren eröffnet.

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